Weniger Weihnachtsgeschichte – mehr religiöse Bildung!

Warum es dem Religionsunterricht gut tut, sich mal nicht mit der Weihnachtsgeschichte zu beschäftigen. Was religiöse Bildung wirklich meint. Wo der Religionsunterricht biblische Geschichten missbraucht. Und von Kinder-Diskussionen über Kopftücher in der Schule.

Es ist Weihnachtszeit und ja, auch im Religionsunterricht soll es da um Weihnachten gehen. Nicht wahr? Maria und Joseph kommen in einen Stall, bekommen ein Kind. Es kommen Hirten und Könige. Engel sind auch dabei. Das Kind heißt Jesus. Und es ist Gottes Sohn. Irgendwie. Soweit so bekannt. Soweit so spannend. Aber: Nicht wenige Kinder meinten zu mir: „Die Geschichte ist so langweilig, ich kenne die auswendig“. Grund genug für mich, um über die Weihnachtsgeschichte im Religionsunterricht nachzudenken. Und über eine viel grundsätzlichere Sache:

Worum geht es in diesem Unterricht eigentlich?

Ich bin noch nicht lange (Grundschul-) Religionslehrer und werde es auch nicht mehr sehr lange sein. Ich habe also nicht viel Lehrerfahrung. Aber ich habe schon unzählige Unterrichts-Materialien gesichtet – und meistens für schlecht befunden. Warum?

Weil es fast nie um Religion geht. Geschweige denn um Religiosität. Der Religionsunterricht wird – zumindest in den allermeisten Materialien und Stundenentwürfen – missbraucht. Für Ethik. Klassenstunde. Förderung des sozialen Zusammenlebens.

Beispiel: Arche Noah. Super Geschichte für Kinder. Vermeintlich. Was wird also gemacht? Tiere gebastelt. Und eine Arche. Da kommen dann alle Tiere rein. Wenn es gut läuft, wird auch noch über Noah gesprochen. Aber meistens wird es damit eigentlich erst richtig schlimm.

Was hat Noah gemacht? Antwort quasi aller Standard-Unterrichtsentwürfe: Vertraut! Er hat Gott vertraut. Also reden wir heute über Vertrauen. Kinder, habt ihr schon mal vertraut? In unserer Klasse ist es auch wichtig, dass wir einander vertrauen…

Die biblische Geschichte wird zu einem Sprungbrett.

Ein Sprungbrett. Mehr nicht. Einmal raufklettern und dann schnell runterspringen. Unzählige andere nicht-religiöse Geschichten könnten exakt die gleiche Rolle in diesem Unterricht einnehmen, in dem es um Vertrauen geht. Nicht um Religion.

Wenn ich dieses Argument vorbringe, dann kommt für gewöhnlich irgendjemand und sagt: „Aber es geht in Religion doch auch um Vertrauen“. Ja! Das stimmt! Aber es geht in Religion auch um Streit, um Wünsche, um Träume, um Eltern, um Gruppen, um Krieg und Frieden – es geht um ALLES (z.B.) in der Bibel, wenn man biblische Geschichten als Sprungbrett nutzen will. Aber nur, weil es in einer biblischen Geschichte um Vertrauen gehen sollte, ist das doch noch lange kein religiöses Thema. Und noch viel schlimmer. Es geht in der Arche Noah Geschichte gar nicht um Vertrauen. Das ist – mit Verlaub – einfach Blödsinn.

Noah wurde von Gott „aus Gnade“ erwählt. So kann man es in der Bibel lesen. Was ist Gnade? Und wieso hat Noah diese Gnade bekommen und andere nicht? DAS ist die Frage des Textes. Noah wurde nicht „erwählt“, weil er vertraut. Sondern aus Gnade.

Noah und seine Familie wurden gerettet. Alle anderen Menschen sind gestorben. Ist das gerecht? Was ist das für ein Gott?

Man kann so viele gute Fragen in der Geschichte finden.

Es reut Gott, dass er die Menschen geschaffen hat. Hat Gott Gefühle?

In der Geschichte stecken großartige Fragen. Und viele, viele Themen. Unter anderem auch Vertrauen. Aber die Geschichte dreht sich nicht um das Vertrauen. Also warum kommen nahezu alle Unterrichtsentwürfe auf das Thema Vertrauen?

Weil es ihnen egal ist, worum es in der biblischen Geschichte wirklich geht. Sie soll ja nur als Sprungbrett dienen.

Es gibt Religionsunterricht, der für all das missbraucht wird, wofür in Schule sonst kein Platz ist. Und die Religion – am Beispiel von biblischen Geschichten – wird nur als Sprungbrett genutzt und dabei meistens haarsträubend einseitig „ethisiert“. Damit meine ich:

Religion verkommt zur Ethik.

Für die Kinder klingt Religion wie eine „so macht man es richtig im Leben“-Regel. Wer es theologisch will: das ist ein gesetzlicher Religionsunterricht.

Gut, soviel zur ersten Variante des Religionsunterrichtes. Es gibt ja auch noch eine zweite Variante: Den: Wir-lernen-zentrale-Punkte-von-Religionen-auswendig-Unterricht.

Klassisches Beispiel: Vater Unser auswendig lernen. Oder die fünf Säulen des Islam. Hier wird vor allem Wissen über Religionen vermittelt. Es ist ein Reden aus einer Art Meta-Ebene über die verschiedenen Religionen.

Und damit vergibt der Religionsunterricht seine größte Chance. Ja noch mehr:

Der Religionsunterricht verfehlt sein Ziel und seine Aufgabe.

Die wenigsten Kinder haben einen Ort, an dem sie religiös sein können. Es gibt immer weniger Omis, die mit ihren Kindern mal beten. Es gibt weniger Familien, die Anschluss an eine Gemeinde haben. Ist das nun schlimm oder völlig egal? Oder sogar begrüßenswert?

Was meiner Meinung nach passiert, ist Folgendes: Es entsteht eine Generation von Kindern, die religiös nicht sprachfähig sind. Kinder haben aber eine Religiosität. Kinder glauben an den Nikolaus, den Weihnachtsmann und den lieben Gott. Sie beten irgendwann mal zu irgendwem, quasi per Reflex, ohne es zu reflektieren. Kinder trauern und fragen, warum Opa sterben musste. Sie fragen sich, ob es ihrem Kaninchen im Himmel gut geht.

Nachdem meine ersten Weihnachtsstunden in der Schule geschafft waren, habe ich in den meisten meiner Klassen das Thema abgebrochen. Es hing den Kindern auch echt zum Halse raus.

Und habe mir dann gesagt: Komm Jonas, jetzt mach mal auch mal das, was du denkst. Mach „richtigen“ Religionsunterricht. Und ich habe mit meinen Kindern das Thema Gebet angefangen.

Kein biblisches Sprungbrett. Keine Ethik-Stunde. Sondern Religion.

Und ich hatte bislang wirklich unglaublich tolle Stunden. Denn die meisten meiner Kinder haben offensichtlich keinen, wirklich keinen, Ort, an dem dieses „Bedürfnis“ gestillt wird: Das Bedürfnis Religion erleben zu dürfen. Das Bedürfnis über gelebte Religion reden zu dürfen.

Wir haben uns darüber unterhalten, was beten ist. Wer das warum und wie macht. Also von den Kindern in der Klasse. Aber wir haben kein Vater Unser auswendig gelernt, sondern uns in der Klasse darüber unterhalten. Betest du? Wie betest du? Und wann und wofür? Oder auch: Wieso betest du nicht?

Ein Kind ist muslimisch. Sie ist regelrecht aufgeblüht in der Stunde. Sie hat der Klasse vorgemacht, wie sie betet. Und die Klasse hat nachgefragt. Eine Viertelstunde hat sich die Klasse mit dem muslimischen Glauben und Gebetsleben dieses Kindes eigenständig auseinandergesetzt. Sie haben über Kopftuch, Moschee, Jesus, Mohammed und Kirche gesprochen.

Danach haben zwei christliche Kinder ein wenig erzählt. Ein Kind konnte sich an einen Kindergottesdienst erinnern, den es leider nicht mehr gibt. Seitdem ist sie nicht mehr in der Kirche. Ein anderes Kind meldet sich und sagt, dass sie mal bei ihm mitkommen könne, dass sei voll schön da, wo er zur Kirche geht.

Ein Kind mit christlich-orthodoxem Hintergrund berichtet über die ewig langen Gebete in seiner Kirche. Ein Kind sagt „Ich glaube nicht an Gott“. Ein anderes: „Jesus, das ist doch der, der immer lügt oder?“

Am Ende schreiben die Kinder eigene Gebete auf.

Manche schreiben eher quatschige Sachen auf. Viele sind aber sehr lange und intensiv dabei. Einige werden traurig und nachdenklich, weil sie für Dinge beten, die sie vermissen. Oma, Opa. Haustiere. Heimat. Freunde in der alten Heimat. Eine heile Familie. Den kranken Bruder.

Die Kinder fragen: „Ich darf Gott um alles bitten?“ oder: „Und ich darf ihm auch schreiben, was ich richtig blöd finde?“

Hey, vielleicht waren das nur zufällig ein paar gute und schöne Stunden. Vielleicht aber auch nicht.

Vielleicht kann Religionsunterricht ganz gezielt so tiefgehend und so „religiös“ sein.

Wenn man mal nicht die Weihnachtsgeschichte liest. Aus Sicht von Esel, Ochs, Deckenlampe oder was auch immer. Wenn man mal weniger über Religion redet. Und biblische Geschichten nicht nur als Sprungbretter für irgendwelche ethischen Themen nutzt.

Meine These nach meiner so kurzen Schulerfahrung: Kinder sehnen sich nach Orten, an denen sie Religion erleben dürfen. Sich ausprobieren dürfen. Orte, an denen sie ihre existentiellen Fragen stellen können. Und ich meine das ganz explizit interreligiös. Denn für religiöse Bildung muss keine Religion die „richtige“ sein.

Religiös gebildete Kinder können vielleicht nicht das Vater Unser. Aber sie haben schon mal ausprobiert zu beten. Religiös gebildete Kinder wissen nicht, welche Religion exakt wofür steht. Aber sie haben schon mal erlebt, wie es sich in Kirche, Mosche und Synagoge anfühlt.

Religiöse Bildung ist für mich eine praktische Auseinandersetzung mit gelebter Religion. In einer meiner Gebets-Stunden diskutierten wir länger über den Wunsch eines muslimischen Kindes, später Kopftuch tragen zu wollen. Dritte Klasse. Ihre Sitznachbarin meldet sich und sagt, dass ihr das Angst machen würde. Das Kopftuch. Sowas trage man doch nicht in Deutschland.

Religiös gebildete Kinder haben schon in der dritten Klasse mit den muslimischen Kindern diskutiert, warum diese später ein Kopftuch tragen möchten. Warum es sie ärgert, wenn andere Kinder sich über Mohammed lustig machen. Religiös gebildete Kinder haben schon in der dritten Klasse mit den muslimischen Kindern diskutiert, warum sie es irritiert, wenn diese ein Kopftuch in der Schule tragen würden.

Religiös gebildete Kinder haben darüber gesprochen, sich gehört, sich nicht geschlagen oder beleidigt. Und in der Pause hinterher zusammen gespielt. Wie immer.

Religionsunterricht kann religiös bilden.

Weniger über Religion reden. Mehr in Religion eintauchen. Erleben. Ausprobieren. Und dadurch Schranken abbauen. Ängste abbauen. Und den Kindern eine reelle Chance geben, ihre Religiosität fortzuführen, auszubauen. Oder die Religiosität anderer Kinder zu verstehen.

Unsere Lebenswelt bietet wenig Chancen für echte religiöse Bildung. Die mehr ist als Wissensvermittlung über Religion. Die Religion als etwas Lebendiges und Erlebbares darstellt. Der Religionsunterricht wäre eine Chance. Und dafür ist es dann vielleicht auch mal gut, nicht die Weihnachtsgeschichte zu erzählen, nur weil man das an Weihnachten so macht. Und mal nicht biblische Geschichten als Sprungbrett für irgendein ethisches Thema zu missbrauchen.

 

4 Gedanken zu „Weniger Weihnachtsgeschichte – mehr religiöse Bildung!

  • 16. Dezember 2016 um 23:32
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    Da frage ich mich, warum die Dir vorliegenden Stundenentwürfe alle so ethisierend sind….
    Zwei Aspekte fallen mir ein und beide stimmen traurig:
    1. Es wird den Kindern (noch) nicht zugetraut, sich mit religiösen Dingen beschäftigen zu können
    2. Derjenige, der den Entwurf entworfen hat, ist selbst nicht religiös und kann daher auch gar nicht so einen Zugang für die Kinder schaffen.

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    • 18. Dezember 2016 um 14:17
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      Mir fällt auch noch ein dritter ein:
      3. Derjenige, der den Entwurf entworfen hat, hält genau das für das Wichtige an Religionen. Soll heißen: Genau das wird als die relevante Beschäftigung mit „religiösen Dingen“ verstanden und die Leute sehen sich selbst daher nicht als „unreligiös“ an… und mit „das“ meine ich jetzt das Ethisierende (gibt es das Wort eigentlich? :P)

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  • 21. Dezember 2016 um 20:05
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    Welche theologischen Gedanken sich schon Kinder machen zeigt eine Frage, die ein Kind (4. Klasse) heute in einer Kindergruppe der ev.-luth. Kirche stellte nachdem es im Religionsunterricht von verschiedenen Religionen gehört hatte und u.a. einen (wohl buddhistischen) Tempel besichtigt hatte: „Aber es kommen doch alle in den Himmel, egal an wen man glaubt, oder?“ Auslöser war das Singen eines schon länger bekannten christlichen Liedes mit der Zeile „Wer an Jesus glaubt, lebt in Ewigkeit“. Es entspann sich eine spannende Diskussion zwischen den Kindern über dieses Thema, Toleranz oder ev. Boykott dieses Liedes „weil das ja ungerecht wäre, wenn nur die Christen in den Himmel kommen“.

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  • 8. März 2018 um 12:57
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    Das ist ja mal ein informativer, sorgfältig mit Liebe zum Detail geschriebener Artikel. Vielen Dank! 🙂

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