Lasst uns einfach mal zur Arbeit gehen und uns selbst auf lautlos schalten

Unfall. Anschlag. Täter ist ein Flüchtling. Doch nicht. Terror. IS. Anteilnahme. Informationsflut. Ohne Gehalt. Meinungen und Kommentare. Von jedem. Überall. Können wir nicht einfach mal uns selbst auf lautlos schalten, zur Arbeit gehen und nicht aus jedem Anschlag ein Happening historischer Dimension dramatisieren?

Am Anfang ist es nur eine Push-Nachricht. Spiegel-Online. Zeit.de. Google. FAZ. Ein Unfall. Mindestens ein Toter. Schnell ist es ein Anschlag. Es gibt einen Verdächtigen. Merkel ist schuld. Die AfD ist scheiße. Und stündlich kommt eine neue Push-Nachricht.

Auf Facebook besteht meine Pinnwand aus drei Dingen.
1. Newsticker, Neuigkeiten, Kommentare von diversen Nachrichtenanstalten.
2. Posts von denen, die beschwichtigen, die sich gegen AfD-Populismus richten.
3. Kerzenbilder oder Ähnliches von denen, die bestürzt Anteil nehmen.

Was fehlt sind die Posts vom rechten Flügel. Facebook hält mich aus dieser Blase raus. Ich bekomme sie nur mit, wenn jemand aus meiner politischen Welt sie teilt.

Ich bekomme per Whatsapp und E-Mail Einladungen für Gottesdienste oder dergleichen zum Gedenken der Opfer. Das ist nur wenige Stunden nach dem Anschlag. Dem vermeintlichen.

De facto weiß zu diesem Zeitpunkt kaum jemand was.

Spiegel-Online berichtet nicht nur selbst, sondern hat gleich auch noch einen Artikel „So berichten die Medien“ zustande gebracht. Ich erhalte von Facebook fast im Minutentakt eine Nachricht, welche Freunde sich in Berlin als „sicher“ gemeldet haben.

Es ist schlimm, was dort in Berlin passiert ist. Traurig. Menschen haben ihr Leben verloren. Menschen haben Menschen verloren. Der Tod ist scheiße, völlig egal, wie er zustande kommt. Wenn es ein Anschlag war, trifft es uns als Gesellschaft noch mehr. Natürlich. Auch das ist verständlich. Machen wir uns nichts vor: Wäre ein LKW-Fahrer mit Herzinfarkt in einen Weihnachtsmarkt gefahren – alles würde jetzt anders diskutiert. Doch es war anscheinend kein Herzinfarkt. Es war mal wieder ein Anschlag. Terror. Mitten in Berlin. Das ist nahe, das trifft, das betrifft.

Und doch. Wünsche ich mir, wir würden nicht jeden Anschlag zu einem Happening historischer Dimension dramatisieren. Wünsche ich mir, wir könnten einfach mal uns selbst auf lautlos schalten und zur Arbeit gehen.

Eine Push-Nachricht. Unfall. Vielleicht ein Anschlag. Mehrere Tote, etliche Verletzte. Mehr Informationen folgen später. Das hätte für den Abend gereicht. Viel mehr gab es nicht zu berichten. Ich wäre morgens aufgestanden und hätte mich gerne mit einer neuen Push-Nachricht auf den neuesten Stand bringen lassen. Dann wäre ich zur Arbeit gegangen, hätte mit meinen Kollegen darüber gesprochen und Abends zur Tagesschau wäre ich über den Stand der Ermittlungen aufgeklärt worden.

Können wir nicht einfach alle einen Tag aushalten. Wenigstens einen Tag? Beim nächsten Anschlag, so als Test mal? Ein Tag. An dem wir arbeiten, die Polizei arbeitet und Journalisten arbeiten? Die Polizei ermittelt, die Journalisten tragen Informationen zusammen, bereiten sie für uns auf – und gut ist?

Können wir nicht einfach Anteil nehmen ohne völlig durchzudrehen? Können wir nicht einfach Anteil nehmen ohne überall unsere Meinungen, unseren Kommentar hinterlassen zu müssen?

Ich brauche nicht von jedem Mitbürger eine persönliche Einschätzung der aktuellen politischen Situation.

Ich benötige nicht von rechten Mitbürgern eine ideologisch verblendete und intellektuell unterbemittelte Weltsicht, ich brauche aber auch nicht vom Rest der Welt Kerzenbilder, Aufrufe zum Zusammenhalt und ein Herziehen über die dämlichen AfD-Kommentare.

Ich würde mich über ein wenig mehr Zeit freuen. Zeit zum Verstehen. Zeit zum wirklichen Anteil nehmen. Zeit für die Leute, die gerade daran arbeiten, den Täter zu suchen und festzunehmen. Zeit zum Nachdenken.

Unsere Meinung, unsere Berichterstattung ist so gleichzeitig und gegenwärtig geworden, dass wir quasi ständig der Zeit voraus sind.

Ich bin erst 27 und fange jetzt schon damit an, aber: Früher ging das doch auch. Und ich glaube, wir tun uns allen damit einen Gefallen. Entschleunigung. Entschleunigung der Anteilnahme, der Meinungsmache, des Kommentierens.

Geben wir unseren Journalisten Zeit zu recherchieren und nicht nur zu mutmaßen. Denn das tun sie, weil sie unsere Informationsgier befriedigen wollen.

Geben wir unserer Polizei Zeit, Täter und Hintermänner zu suchen und nicht nur auf einen schnellen Fahndungserfolg auszusein. Denn das tun sie, weil wir in Echtzeit wissen wollen, wer der Täter ist und woher er kommt.

Geben wir uns Zeit, ernsthaft Anteil zu nehmen und nicht nur reflexartig ein neues „Je suis…“ zu posten und zu teilen.

Geben wir uns Zeit, Hintergründe, Zusammenhänge und Auswirkungen solcher Anschläge zu verstehen. Lasst uns darüber sprechen. Lasst uns darüber informieren. Lasst uns darüber weinen, lasst uns wütend sein und trotzig aufstehen. Lasst uns gegen rechte Mitbürger die Stimme erheben und dem Terror im Herzen die Stirn bieten.

Aber lasst uns das mit der dafür nötigen und sinnvollen Zeit tun.

Lasst uns einfach mal zur Arbeit gehen und uns selbst auf lautlos schalten. Und ganz klassisch abends Tagesschau sehen. Von mir auch den Brennpunkt und das Sondersuperspezial. Aber lasst uns mit unseren Meinungen, Einschätzungen und Kommentaren nicht mehr der Realität enteilen. Lasst uns einfach mal zur Arbeit gehen und uns selbst auf lautlos schalten.

 

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