Es wird nicht alles christlich, nur weil wir es als Kirche anbieten. Und nicht alles, was irgendwie spirituell ist, hat etwas mit dem christlichen Glauben zu tun. Ein Plädoyer, warum Yoga (nicht) in unsere Kirchen gehört. Und die bittere Erkenntnis, dass wir als Kirche in einer spirituellen Armut leben.

Vor kurzem habe ich einen Seminartag zu Spiritualität erlebt. Spiritualität, das ist… ja, da geht es eigentlich schon los. Irgendwie ist es heute ziemlich schwer zu sagen, was Spiritualität alles ist und was nicht. Ich wäre ja schon froh, wenn wir relativ genau sagen könnten, was christliche Spiritualität eigentlich ist.

Ich glaube, die meisten verstehen unter christlicher Spiritualität, das „wie“ unseres christlichen Glaubens. „Wie“ lebe und gestalte ich diesen Glauben? Man könnte in diesem Kontext statt Spiritualität auch „Frömmigkeit“ sagen. Was ist „meine Frömmigkeit“? Oder deine?

Also: Wie lebst du deinen Glauben und wie lebe ich meinen? Und wie all die anderen? Oder auch: wie „praktizieren“ wir Christen unseren Glauben?

Weltweit: ein bunter Haufen an Glaubenspraxis

Wenn man sich das weltweit unter allen Christen anschaut, dann stellt man fest, dass wir sehr unterschiedliche Formen der Praktizierung finden. Unterschiedliche Arten, den Glauben zu leben.

Und so manches, was in Afrika, Südamerika, Asien oder auch einfach nur in einer anderen Gemeinde oder Konfession gelebt wird, scheint dem eigenen ganz schön fremd. Als ich vor kurzem in St. Petersburg die orthodoxe Kirche genauer kennenlernen durfte… da war deren Spiritualität, deren Art ihren Glauben zu praktizieren, doch durchaus fremd. Manches fand ich komisch. Manches sogar abstoßend. Und anderes wieder richtig interessant! Und vermutlich ist es andersrum ähnlich.

Wir leben in einer spirituellen Armut

Wenn wir das alles aber ein wenig runterbrechen und weggehen von der ganzen Welt, weggehen von verschiedenen Konfessionen und einfach nur bei unserer evangelisch-lutherischen Kirche in Deutschland – oder sogar in Norddeutschland bleiben – dann… möchte ich die These aufstellen, dass wir in einer spirituellen Armut leben.

Was ich damit meine?

Kurioserweise haben wir anscheinend ein absolut überweitetes Verständnis davon, was christliche Spiritualität ist (dazu kommen wir gleich noch – ich sage nur Yoga), und zugleich leben wir quasi in einer spirituellen Monokultur.

Die spirituelle Monokultur

Monokultur ist vermutlich etwas scharf. Was ich damit aber meine: Während meiner Ausbildung als Pastor habe ich mehrfach Input für „Spiritualität“ bekommen. Sie sah jedes Mal sehr ähnlich aus und hatte immer etwas mit Atemübungen zu tun. Loslassen. Zu sich finden. Ruhig werden. Sich und seinen Körper spüren.

Mein Ding ist das nicht. Deshalb ist sie nicht falsch! Aber dass neben dieser einen möglichen Form der Glaubenspraxis alle anderen irgendwie nicht so richtig vorkamen… lässt mich erahnen, wieso wir in Kirche noch immer gerne eine Mitte gestalten und zwar vorzugsweise mit Tüchern, einem Kreuz und ein paar Teelichtern. Für manche ist das schön. Naja. Für manche eben. Es ist eine Art der Glaubenspraxis.

Ein überweitetes Verständnis von christlicher Spiritualität

Dass wir spirituell nicht die Vielfalt leben, das könnte ich noch verkraften. Auf eine Art ist es ja auch nur konsequent. Das machen wir im Gottesdienst ja auch so. Und auch sonst gilt ja eher einfältiges als vielfältiges Auftreten. Aber was mich wirklich zur Rage bringt, ist, dass wir (offensichtlich) paradoxerweise zugleich ein völlig überweitetes Verständnis davon haben, was christliche Spiritualität alles sein kann.

Beispiel: Yoga. Yoga-Übungen haben erstmal nichts mit dem Christentum zu tun. So wie… z.B. auch Fußball. Beides ist per se nicht christlich oder unchristlich. Ich kann in meiner Freizeit Fußball spielen oder zum Yoga gehen – und zusätzlich Christ sein oder nicht.

Und ja, ich könnte nun einen Fußball-Treff mit oder für Christen aufmachen. Wir könnten in einer Kirche z.B. eine Fußball-Gruppe gründen. Dadurch würde der Fußball an sich aber nicht christlich werden. Wir könnten eine Andacht vor oder nach dem gemeinsamen Spielen feiern. Dann hätte der Fußball eine christliche Rahmung bekommen. Oder es ist eben einfach eine Gruppe von Christen, die Fußball spielen.

Genauso ginge es auch beim Yoga. Eine Andacht davor oder danach? Na, dann ist es doch eine prima Gemeindeveranstaltung. Oder es ist eben eine Yoga-Gruppe von Christen. Aber egal wie man es dreht und wendet: Yoga an sich wird nicht christlich. Häkeln übrigens auch nicht. Blockflöte spielen überraschenderweise auch nicht.

Und deshalb ist Yoga auch keine christliche Spiritualität. So wie Fußball, Häkeln und Blockflöte keine christliche Spiritualitäten (den Plural gibt es nicht!) sind. Und in diesem Sinne hat Yoga (als spirituelle Veranstaltung) in unseren Gemeinden erstmal nichts zu suchen.

Spiritualität vom (Holy) Spirit ableiten

Worauf ich mit all dem hinaus will? Ich möchte mich dagegen wehren, dass Yoga als christliche Spiritualität missverstanden wird. Yoga mag dir helfen, ganz zu dir zu kommen. Oder dich zu entspannen. Oder dich zu konzentrieren. Yoga mag viele schöne Effekte haben. Aber es ist keine christliche Glaubenspraxis. Es ist keine christliche Spiritualität.

Warum? Das ist jetzt nicht wissenschaftlich fundiert und steht so bestimmt nicht auf Wikipedia, aber wie wäre es, wenn wir uns Spiritualität vor allem vom „Spirit“ herleiten? Bzw. im christlichen Kontext vom „holy spirit“, also dem Heiligen Geist, also von Gott?

Dem folgend ist christliche Spiritualität für mich dann unsere christliche Glaubenspraxis, wie wir mit dem Spirit/dem Geist/Gott „in Kontakt“ kommen. Das ist für sehr viele Christen weltweit sehr verschieden. Und das wird auch für sehr viele Menschen in Deutschland verschieden sein. Und deshalb empfiehlt es sich für uns als Kirche, dass wir auch auf „spiritueller Ebene“ (also auf der Ebene der Zugänge zu Gott“ Vielfalt statt Einfalt leben).

Aber diese Vielfalt kann und darf sich nicht derartig äußern, dass plötzlich „alles“ christlich spirituell wird. Und warum nicht? Wieso darf ich das behaupten? Weil unsere möglichen Zugänge zu Gott „beschränkt“ sind. Durch wen? Durch Gott selbst.

Entscheidend ist am Ende das „Was?“ und nicht das „Wie?“

Unsere Zugänge zu Gott sind durch die Arten beschränkt, durch die Gott sich uns zeigt. Im Christendeutsch würden wir wohl „offenbart“ sagen. Und durch was hat Gott sich nun offenbart? Hier müssen wir – so denke ich – klar unterscheiden: Durch was offenbart sich Gott uns unverkennbar und durch was erst auf einer zweiten Ebene?

Eine unverkennbare Offenbarung – damit meine ich Jesus Christus, die Bibel und unsere Sakramente (also mindestens Abendmahl und Taufe). Und eine Offenbarung auf zweiter Ebene, damit meine ich z.B. die Schöpfung.

Du verstehst nur Bahnhof? Sorry, noch ein Versuch: Wenn wir jetzt zusammen in die Natur gehen und von einem gewaltigen Naturereignis völlig überwältigt werden – ist uns dann der Gott der Bibel begegnet? Ist das ein eindeutiger Zugang zu unserem christlichen Gott? Wenn wir beide uns ans Meer stellen, den Wind spüren und uns Gott nahe fühlen – ist das dann ein eindeutiger Zugang zu unserem christlichen Gott?

Jaja, die Frage ist rhetorisch. Das ist es nämlich nicht. Genau aus dieser Erfahrung speisen sich auch Zugänge zu anderen Religionen/Göttern. Vielleicht begegnet uns da ja auch Zeus. Oder der Gott des Windes oder was weiß ich. Oder gar kein Gott, sondern es ist einfach nur Wind.

Aber: sobald wir im christlichen Glauben stehen, kann die Natur für uns natürlich als ein Zeichen für oder von Gott verstanden werden. Dann stehen wir vielleicht am Meer und bestaunen Gottes Schöpfung und fühlen uns ihm nahe. Aber dann ist es eine Offenbarung sozusagen auf einer zweiten Ebene.

Ganz anders verhält es sich z.B. bei Jesus. Er weist nur auf den einen Gott. Keinen anderen. Auch die Bibel weist nur auf den einen Gott. Und niemand tauft wie wir und feiert wie wir Abendmahl.

Also: Gott ist nicht in allem. Zumindest nicht unser christlicher Gott. Er ist nicht in jedem Baum. Und er ist auch nicht „da“, wenn wir ganz bei uns sind oder unsere Mitte gefunden haben.

Gott hat sich uns in Jesus gezeigt. Er zeigt sich uns in der Bibel. Und wir erleben ihn in und durch unsere Sakramente.

Legitime Formen der christlichen Spiritualität?

Ganz schön lange Ausführungen, es tut mir leid. Ich höre auch gleich auf. Was mir wichtig ist: Wenn Spiritualität bedeutet, wie wir mit Gott in Kontakt treten, dann halte ich für legitime christliche Formen der Spiritualität, was eindeutige und unverkennbare Zugänge zu „unserem“ christlichen Gott sind.

Und Atemübungen gehören nicht dazu. Das Finden der eigenen Mitte auch nicht. Die noch so großartige Natur genauso wenig. Fußball übrigens auch nicht. Biertrinken nicht. Häkeln nicht. Und leider, leider eben auch nicht die Blockflöten.

Ja, es mag sein, dass manche Leute Bier trinken und sich Gott nahe fühlen. Aber das macht es zu keiner christlichen Spiritualität. Denn am Ende ist eben das „Was?“ doch entscheidender als das „Wie?“. Nicht die Form bestimmt, ob eine Spiritualität christlich ist, sondern der Inhalt. Und das musste ich einfach mal sagen. Es hat nur ein paar mehr Worte als sonst gebraucht.

Jetzt kommst du!

So, ich halte jetzt aber endlich meinen Mund, bzw. meine Finger still und du bist am Zug. Mein Plädoyer ist: Ich nehme eine Art spirituelle Monokultur in unserer Kirche wahr. Und deshalb: Ja, wir brauchen eine Vielfalt an spirituellen Formen in unserer Kirche! Aber das darf nicht zu einer Beliebigkeit führen. Der Inhalt bestimmt bei uns, was christlich ist. Auch bei unserer Spiritualität. Bei unseren Zugängen zu Gott, bei unserer Art, unseren Glauben zu leben.

Deine Meinung? Deine Erfahrung? Positive Beispiele? Ergänzungen, Fragen, Einwände oder weiterführende Gedanken und Ideen?

Ich bin gespannt und freue mich!