Ich bin angehender Pastor. Und ich kann mit den meisten Gottesdiensten nichts anfangen. Ein Einzelfall? Ich glaube nicht. Trotzdem interessiert das keinen so richtig. Der Pastor hat den Gottesdienst zu halten. Und zwar DEN einen bestimmten. Ob er will oder nicht. Kein Wunder, dass unsere Gottesdienste so voller Leidenschaft stecken. #popupchurch

Vor kurzem lief im Fernsehen eine Dokumentation über den „Alltag eines Pfarrers“ (so die Beschreibung). Unter dem Titel „´7 Tage… im Auftrag des Herrn“ begleitete ein Journalist einen Pastor/Pfarrer auf seiner ersten Dienststelle. Den Journalisten trieb u.a. um, wieso von den sog. jungen Leuten, so wenige in die Kirche kommen. Er fragt den Pastor, ob das verstehen könne, dass von seiner Generation wenige in die Kirche kommen. Der Pastor antwortet, dass er das durchaus verstehen könne. Er gehe auch erst seit einem Jahr regelmäßig in den Gottesdienst.

Kurz danach höre ich eine Andacht einer Pastorin. Sie hält die Andacht bei einem regionalen Pastorentreffen. Sie nimmt auch auf diese Dokumentation Bezug. Und erzählt, dass sie am Sonntagmorgen auch lieber zum Yoga als in den Gottesdienst gehen würde.

Ich gehe nicht gerne in den Gottesdienst

Ich könnte beide Kollegen verurteilen. Wie kann das nur sein? Sind Pastoren und gehen selber anscheinend gar nicht so richtig gerne in den Gottesdienst? Der eine erst, seitdem er muss, die andere wäre lieber beim Yoga? Aber… mir geht es genauso. Und ich kenne nicht wenige Vikare, denen es auch so geht.

Ich bin geneigt, mit „wir“ weiterzuschreiben. Bleibe aber sicherheitshalber beim „Ich“. Also: Ja, ich gehe nicht gerne in den Gottesdienst. Zumindest in das, was mir meistens als Gottesdienst verkauft wird. Warum? Weil es mir nichts gibt. Es ist keine Heimat für mich. Kein Ort zum Auftanken. Es entspricht nicht meiner Spiritualität.

Klar, das liegt auch an der Uhrzeit. Sonntagmorgen. Es versaut mir schon den Samstagabend, wenn ich weiß, dass ich am nächsten Tag früh aufstehen muss. Und ja, es liegt an der Musik. Den Liedern, den Instrumenten – dem Instrument. Es liegt an den Predigten, die meistens nur eine Funktion für mich haben: Ich habe Zeit, um mal in Ruhe über etwas anderes nachzudenken. Z.B. was in der nächsten Woche ansteht. Und ja, es liegt an der Liturgie. Eigentlich ist da fast nichts, was mich anspricht. Außer vielleicht die Gemeinschaft. Aber… die bekomme ich ehrlich gesagt woanders meistens auch in besserer Qualität.

Wir schütteln die Köpfe

Manchmal sitze ich mit anderen Vikaren zusammen und wir schütteln den Kopf, dass ausgerechnet wir jetzt Gottesdienste gestalten und feiern sollen. Wo wir doch selber damit nichts anfangen können. Und auch noch nie konnten.

Also: Ja, auch ich verstehe, dass meine Generation und so viele andere Menschen anderer Generationen nicht am Sonntag in den Gottesdienst gehen. Sie haben mein tiefstes Verständnis.

Und nun?

Manchmal bekomme ich zu hören, dass ich dann den falschen Beruf ergriffen hätte. Manchmal bekomme ich zu hören, dass ich den Gottesdienst eben noch nicht verstanden hätte. Bzw. dass der Appetit beim Essen käme. Ja, ich kenne viele Pastoren, denen ging es ähnlich wie mir. Sagen sie zumindest. Und dann schauen sie mich großväterlich an und sagen, dass jetzt, nach 25 Jahren Dienstzeit, sie den Gottesdienst zu schätzen gelernt hätten. Das würde bei mir auch noch passieren.

Wieso nimmt das keiner ernst?

Was ich eigentlich nie zu hören bekomme, ist dass man mich ernst nimmt. Dass da jemand die Situation ernst nimmt. Denn, das sollte ja jedem klar sein: Je mehr Leute den Gottesdienst gestalten, die damit eigentlich selber nichts anfangen können, desto mehr Menschen werden auch von diesem Gottesdienst vermutlich nicht überzeugt sein.

Ich kenne genug Pastoren und genug Vikare, die voller Begeisterung und Herzblut und Leidenschaft eben diesen Gottesdienst feiern und genießen, mit dem ich nichts anfangen kann. Und ich bin mir sicher, dass da am Ende „bessere“ Gottesdienste bei rumkommen, als bei denen – wie mir – die es am Ende mehr als Arbeit oder Pflicht erfüllen, denn aus Leidenschaft.

Nun könnte man natürlich auf die Idee kommen, dass man dieses Potential nutzt. Da sind ganz offensichtlich Menschen in der Kirche, die fühlen tatsächlich wie der Großteil der Menschen außerhalb der Kirche. Ja, die Kirche hat Pastoren und angehende Pastoren, die gehen aus den gleichen Gründen nicht zum Gottesdienst, wie so viele andere Menschen.

Und vielleicht wäre es ja eine Idee, dass wir dieses Potential nutzen. Um Gottesdienste zu entwickeln, die für diese Pastoren und diese Menschen passen.

Und das heißt vielleicht, dass die Pastorin am Sonntag zum Yoga geht. Oder dass der Gottesdienst nur einmal im Monat stattfindet, weil es für viele eine Überforderung ist, an jedem Sonntag hinzugehen. So wie es auch eine Überforderung ist, dass ein Pastor jeden Sonntag eine neue (gute) Predigt halten soll.

Projekt: popupchurch

Also, ganz praktisch: Wie kann so ein Gottesdienst aussehen? Und wo findet er statt? Und was findet in ihm statt?

Genau diese Fragen stellen einige meiner Mit-Vikare und ich uns seit einiger Zeit. Wir wollen wissen, wie Gottesdienst, wie Kirche, für die aussehen kann, die mit dem bisherigen Mainstream-Angebot nichts anfangen können. Wir haben das Projekt popupchurch genannt.

Eine Kirche, die immer woanders aufpopped. Zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten. Und eine Kirche, die erstmal mit quasi nichts daherkommt. Keine Mitgliedschaft. Keine Verbindlichkeit. Keine Liturgie. Keine Musik. Kirche – erstmal auf das Minimum reduziert.

Wir stehen ehrlich gesagt absolut am Anfang mit dem Projekt. Es ist eine Baustelle. Ein Projekt mit offenem Ende. Keine Ahnung, wohin uns die Reise führt. Wir haben noch nicht einmal eine fertige Webseite. Aber wenn du mit uns mitdenken willst, die Idee spannend findest… dann schreibe mir. Melde dich. Wir freuen uns über Mitdenker. Mitstreiter.

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