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Warum übernimmt in Kirche eigentlich nie jemand Verantwortung für die Misere?

Es läuft nicht so bei uns in Kirche. Ehrlich gesagt kämpfen wir gegen den Abstieg. Aber wie kommt es eigentlich, dass in Kirche nie irgendjemand Verantwortung übernehmen muss, wenn es nicht läuft? Egal wie mies die Saison ist: Schuld haben alle – nur wir nicht. 

Ich lese relativ regelmäßig das „Manager Magazin“ und erfahre so dann immer mal wieder, bei welchen Unternehmen es läuft und bei welchen nicht. Welche Manager mehr oder weniger Boni erhalten haben, wer entlassen wurde, wer neu angestellt wurde. Was mir vor kurzem dabei aufgefallen ist: Wie kommt es eigentlich, dass bei uns in Kirche nie irgendwer für irgendwas gerade stehen muss?

Ich meine: wir müssen ja nicht gleich den HSV nehmen, aber nehmen wir einen normalen Bundesliga-Verein. Natürlich ist das nicht immer fair, dass der Trainer gehen muss, wenn die Saison mies läuft. Oder wenn der Sportchef gehen muss, weil die Transfers völlig in die Hose gingen. Aber: es ist trotzdem völlig normal, dass jemand die Verantwortung übernimmt, wenn es schlecht läuft.

Das kennen wir vom Fußball und aus der Wirtschaft. Aber in der Kirche?

Kirche ist anders!

Manche mögen einwenden, dass das ja gerade das Schöne an und in Kirche sei. Bei uns gibt es keine Leistungsziele, keinen Erfolgscheck und auch keinen Erfolgsscheck. Es geht bei uns nicht darum, dass irgendwelche Zahlen stimmen oder etwas wachsen muss und wir bewerten nicht, wer gute und wer schlechte Arbeit macht.

Ja… aber.

Ja: irgendwie ist das mit Sicherheit eine schöne Seite an Kirche. Und ich werde hier mit Sicherheit kein Plädoyer dafür halten, dass wir uns am HSV orientieren und pro Saison 42 Trainer verbrauchen oder dass wir wie so manches börsennotiertes Unternehmen nur noch nach irgendwelchen Kennzahlen geiern.

Der Punkt ist nur: das Leben besteht ja zum Glück aus mehr als nur schwarz-weiß-Denken. Es gibt ja nicht nur entweder oder, sondern auch viel Raum dazwischen. Und meine These ist: da müssen wir als Kirche dringend rein.

Verantwortung und Überprüfbarkeit

Jetzt mal unter uns: Pastoren und Pastorinnen leben in einer quasi völlig unkontrollierten und unreflektierten Arbeitswelt. Wir können quasi machen, was wir wollen. Wir könnten eine hochlebendige Gemeinde voll gegen die Wand fahren – die Gemeinde würde uns nicht oder echt nur sehr mühsam wieder los.

Offiziell leiten „Kirchengemeinderäte“ die Gemeinden. Abgesehen davon, dass sie ihre Pastoren kaum loswerden, gilt auch für sie: sie stehen einer eigenständigen Körperschaft öffentlichen Rechts vor (das ist nämlich jede Gemeinde) und es gibt nahezu keine Mechanismen, die diese Arbeit auf Erfolg/Misserfolg überprüfen, kontrollieren oder sogar nach Verantwortung fragen.

Natürlich: wenn es richtig schlimm wird, dann greifen Kirchengesetze. Wer Geld veruntreut, grob fahrlässig handelt etc. – über sowas müssen wir nicht reden. Aber darum geht es ja auch nicht beim Unternehmen und beim Bundesliga-Verein. Die Trainer fliegen ja nicht, weil sie Geld veruntreut haben, sondern weil dem Verein der Abstieg droht.

Sprich: es geht mir nicht um die klaren Fälle, wo selbst in Kirche dann Verantwortung übernommen wird, weil es letztlich auch strafrechtliche Folgen hat oder hätte. Es geht mir um die Frage, warum niemand in unserem Laden Verantwortung dafür trägt, dass unserem Verein der Abstieg droht.

Und seien wir ehrlich: aus der ersten Liga sind wir schon lange abgestiegen. Wir kämpfen gerade eher darum, ob wir noch in der zweiten bleiben oder nicht.

Wohlfühlverein

Wir sind ein Wohlfühlverein. Punkt. Was wir am besten können? Uns gegenseitig erzählen, wie toll wir sind. Aber mal ehrlich auf die Arbeit schauen, die wir dann wirklich machen? Wann und wo passiert das? Und wenn es passiert, was wird dann eigentlich angeguckt? Ja, ich bin noch nicht lange Pastor. Aber meine Erfahrung bis hierhin ist: wir werden uns auch noch gegenseitig mit Lobeshymnen überschütten, wenn es wirklich nur noch 2 oder 3 sind, die sich im Namen von Jesus versammeln.

Wie kann das sein, dass wir Jahr für Jahr weniger werden, dass es keinen Plan gibt, wie wir den weiteren Abstieg vermeiden – und trotzdem kraulen wir uns weiter gegenseitig die Eier?

Ganz einfach: Weil natürlich alle Schuld haben. Nur wir nicht. Es ist der demografische Wandel. Es ist der Jahrgang mit den wenigen Geburten. Es ist der heiße Sommer. Corona. Die Leute haben heute ja auch so viel anderes zu tun. Meine Güte! Wenn wir die Zeit, die wir zum Ausdenken von Ausreden aufwenden, stattdessen nutzen würden, um an Konzepten für die Zukunft zu arbeiten. Wir könnten vermutlich eine ganze Bibliothek füllen.

Messbare Ziele

Ich wünsche mir, dass wir in Kirche anfangen uns aus der Wohlfühl-wir-machen-alle-immer-tolle-Arbeit-egal-wie-es-läuft-Zone herauszubewegen. Und nein: wir wollen kein HSV werden und kein DAX-Unternehmen. Aber lasst uns doch z.B. mal mit Zielen anfangen. Messbaren Zielen. Gut, daran scheitert es vermutlich dann schon schnell. Denn wenn ich mir das Ziel setze, den Gottesdienstbesuch in diesem Jahr um 10% zu steigern, dann wird gleich jemand kommen und sagen, dass es darum nicht geht. Es geht doch um Menschen und nicht um Zahlen.

Ich glaube aber: uns tun Ziele gut. Als Pastoren und Pastorinnen, als Kirchengemeinderäte, als Menschen, die in Kirche (zumindest rein theoretisch) Verantwortung tragen. Wir müssen uns doch keine illusorischen Ziele setzen. Ich setze mich doch auch nicht hin und sage: „Hey, ich will im nächsten Jahr 10% mehr Gemeindemitglieder!“.

Aber ich habe mir z.B. diese Ziele bis Ende 2021 gesetzt:

  • Durchschnittlich mind. 65 Besucher pro Gottesdiensttag (aktuell 44)
  • Durchschnittlich mind. 2,25 Euro Kollekte pro GD-Besucher (aktuell 1,74)
  • Mieteinnahmen der Gemeinde um mind. 25% erhöhen
  • Weniger als 1% Mitgliederverlust pro Jahr (aktuell -2,8%)
  • Zufriedenheitsrate unter Mitarbeitern bei mind. 4,0 (aktuell 4,1)
  • Haushaltsdefizit nach Rücklagenbildung bei max. 25.000 Euro (aktuelle Info ist nicht öffentlich ;-))
  • Mind. 100 aktiv Mitarbeitende in der Gemeinde (aktuell 81)

So, und wenn ich Ende 2021 auf diese Ziele schaue und wir dann weniger Gottesdienstbesucher und weniger Kollekte als 2019 hatten – dann ist das doch erstmal ein Zeichen dafür, dass (entweder meine Ziele völlig dumm waren oder dass) was mit meiner Arbeit nicht stimmt.

Lernfeld: Miese Arbeit

Und genau das müssen wir in Kirche glaube ich lernen: wir machen häufig schlechte Arbeit. Und ja: es liegt auch an uns, wenn es nicht läuft.

Wenn Deutschland bei einer Fußball-WM kein gutes Turnier spielt, dann kann das auch mal Pech sein. Verletzungen von Leistungsträgern, einfach immer den Pfosten getroffen, unglückliche Schiri-Entscheidungen. Ja: es gibt Entschuldigungen und es gibt externen Einfluss. Auch bei uns in Kirche. Aber nie und niemals zu 100%. Egal wie unglücklich so ein WM-Turnier verläuft. Wenn es die Jahre davor extrem gut läuft, dann bekommt der Trainer nochmal eine Chance. Aber wenn das nächste Turnier dann auch nichts wird, dann wird es vermutlich auch für Jogi eng.

Bei uns in Kirche haben wir aber ehrlich gesagt schon sehr lange kein gutes Turnier mehr gespielt. Und es wird Zeit, dass wir lernen Verantwortung zu übernehmen, wenn es nicht läuft. Auf jeder Leitungsebene in Kirche. Synodale, Bischöfe, Pröpste, Pastoren (und ja auch die weiblichen Formen), Kirchengemeinderäte.

Natürlich erhoffe ich mir, dass wir in Kirche immer aus theologischer Sicht eine äußerst erhöhte Fehlertoleranz haben. Aber nur weil Gott uns unendlich liebt und Jesus für jede Schuld am Kreuz gestorben ist, können wir doch nicht einfach jede noch so schlechte kirchliche Arbeit schön reden und die Probleme für unseren Abstieg immer woanders suchen.

Den nächsten Abstieg verhindern!

Nein, das hier ist keine Lösung für unseren Kampf gegen den Abstieg. Aber ich glaube es ist ein Teil des Problems. Einer der Gründe, warum wir da stehen, wo wir stehen. Weil wir uns lieber gegenseitig stärken und alles schön reden, anstatt auch einfach mal zu sagen: „Das ist Mist“. Oder: „Hast du überhaupt ein Konzept hinter deiner Arbeit?“ oder „Ich bin nicht der/die Richtige für diese Arbeit.“

Ja, ich glaube: wir brauchen Ziele, eine ehrliche Fehlerkorrektur und den Mut Verantwortung zu übernehmen.

Bestenfalls führt das insgesamt dazu, dass zumindest unser Anteil an der Misere gesenkt werden kann und wir bestenfalls den Abstieg aus der zweiten Liga vermeiden können.

 

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20 Comments

  1. Arend Engelkes Krückmann says:

    Wer schreibt hier eigentlich als „Ich“? Ein Name, ein Gesicht, eine Gemeinde – mit mehr Hintergründen könnte ich dem Gesagten mehr vertrauen …

    1. juhopma says:

      Findest du natürlich alles auf dieser Webseite, meinem Blog: Im Desktop-Modus quasi oben rechts (direkt unter dem Header) bzw. gleich rechts von jedem Artikel und im Handy-Modus direkt unter jedem Beitrag.
      Bild gibt´s auch dabei und der Text ist dann: „Moin! Das bin ich – mit meiner Freundin. Mein Name ist Jonas, ich bin Pastor in der evangelisch-lutherischen Kirche in Norddeutschland. Und diese Seite? Ob Texte, Podcasts oder Videos – es geht auf juhopma.de um Gott, die Kirche, unsere Welt – und mich.“
      Mehr zu „meiner“ Gemeinde findest du auf kap-kirche.de

  2. Solltest du wirklich ein Pastor sein und noch nie etwas über NGE, natürliche Gemeindeentwicklung gehört haben? Dort geht es genau um das: Verantwortung übernehmen, Ziele setzen, Kirche zukunftsfit machen, und das alles biblisch, theologisch und wirtschaftlich fundiert. Also: an die
    Arbeit, klemm dich dahinter, lies dich ein, lass dich beraten, und berichte uns dann in deinem Blog von den Fortschritten. Oder spielst du lieber den Kritiker und bleibst in deiner Wohlfühlzone?

    1. Sorry, wissenschaftlich fundiert muss es heißen.

    2. juhopma says:

      Vielen Dank dir!
      Kenne ich vom Namen und oberflächlich, mehr tatsächlich nicht.
      Scheint sich aber ja leider bislang nicht durchgesetzt zu haben 🙁 Woran hakt es?

      1. Wer sagt denn so was? Nur weil es nicht in der Zeitung steht heißt es nicht dass es nicht erfolgreich ist.

        1. juhopma says:

          Wer sagt denn Zeitung? 😉 Nein, im Ernst: das war ja meine Vermutung. Wenn dem nicht so ist: um so besser!

  3. Thomas Frings says:

    Lieber Jonas,

    ich lese Deine Texte immer wieder gerne und erfreue mich an Deiner erfrischend ˋverrücktenˋ Sicht auf unsere Situation und den Laden Kirche/Gemeinde. Bei den Punkten, die Du 2021 kontrollieren willst, komme ich jedoch ins Stolpern. 7 Punkte, 3 handeln von höheren Zahlen (in diesem Falle mehr Menschen) und 3 handeln vom Geld (in diesem Falle mehr Geld). Unser kapitalistischer Gründer hat uns natürlich Ernte zugesagt in unerhörtem Ausmaß 30 fach, 60 fach, 90 fach – und auch ich habe keine handfesten Kriterien als solche, die sich in Zahlen niederschlagen und messbar sind. Im Schön-Reden sind wir ohnehin unschlagbar, seitdem der Ostblock mit seiner Planwirtschaft uns da keine Konkurrenz mehr macht. Und dennoch … ich mache ein Fragezeichen hinter diese Ziele im Wissen darum, dass ich eine Alternative, eine Antwort schuldig bleibe.
    Müssen wir nicht auch andere Fragen stellen? Zum Beispiel: stimmt unser Gemeindebild noch – sind die Pfarrgrenzen noch vernünftig – um nur mal zwei zu nennen.
    Vor Jahren lief im RBB eine Sendung mit dem Titel „7 Tage“ (oder so ähnlich). Eine Woche lang wurde ein Person begleitet. Ich erinnere mich an die Folge, in der es um einen jungen Pfarrer in Brandenburg ging, der für 15 Gemeinden mit 7 Kirchen zuständig war. Sein Ziel war es auch, den Gottesdienstbesuch zu erhöhen. Die Lösung lag auf der Hand und wurde von ihm selber sogar genannt, ohne das er es merkte. Er sagte nämlich, dass er im Studium kaum in Gottesdienste gegangen sei. Jetzt jedoch war es sein Hauptziel, Gottesdiensbesucherzahlen zu halten, besser zu steigern. Und? Was ist die Lösung?
    ?
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    Er geht erst regelmäßig, seitdem er dafür Geld bekommt. DAS ist die Lösung, die wahrscheinlich funktionieren kann: die Menschen, die am Sonntag kommen, bekommen keinen Kollektenkorb hingehalten, sondern sie werden für den Gottesdienstbesuch bezahlt, so wie wir.

    Liebe Grüße

    Thomas

    1. juhopma says:

      Lieber Thomas,
      vielen Dank für deine Worte!
      Deine Kritik ist natürlich berechtigt. Als Versuch der Erklärung von mir: Ziele müssen ja irgendwie messbar sein – daher kommen bei mir Zahlen ins Spiel. Und hinter den Zahlen verbergen sich ja Menschen. Sprich: Wenn ich mir als Ziel ein zahlenmäßiges Wachstum wünsche, dann steht dahinter ja z.B. das Ziel, dass wir als Kirche mehr Menschen erreichen. Mit dem Evangelium. Als Seelsorger. Etc.
      Und eine Erhöhung von Menschen, die wir mit dem Evangelium erreichen, ist für mich der Grundauftrag von uns als Kirche.
      Das mit dem Geld ist natürlich kritischer. Und ich wünschte mir, ich müsste mir dort keine Ziele setzen 🙁 Aber faktisch wird in den meisten Gemeinden sehr bald kein Evangelium mehr verkündet, weil die Finanzen nicht stimmen. Und zusätzlich: als KGR-Vorsitzender trage ich ja auch besondere Verantwortung für die finanzielle Gesundheit der Gemeinde. Ich finde schon, dass ich mich als Pastor daran messen muss, ob ich eben nicht nur bestenfalls reichhaltig von Jesus erzähle und bestenfalls so mehr Menschen mit dem Evangelium erreiche – sondern dass währenddessen eben der ganze Laden auch nicht finanziell gegen die Wand fährt.

      Hmm. Fruchten diese Erklärungen bei dir in irgendeiner Weise? 😀

  4. Oliver R. says:

    Hallo Jonas. Ich bin auch Pastor (oder Pfarrer wie man bei uns sagt). Ich setze mir in meiner Gemeindearbeit schon lange Ziele. Ich betreibe Controlling, Planung und erstelle Strategien (aktuell eine Digitalstrategie) für meine Gemeindearbeit. Und das bewirkt auch Einiges. Ich erhalte messbare Erfolge. In diesem Punkt kann ich dich bestätigen und bestärken. Das ist eine gute Strategie. Gleichzeitig führt das aber an anderen Stellen zu geringen Erfolgen (Stichwort: Kirchenaustritte). Es sollte auch dir zu denken geben, dass in Deutschland alle Kirchen, evang. und katholisch, steigende Austrittszahlen haben. Es gibt quasi keine Kirchengemeinde die nicht schrumpft. Steigerungen gibt es oft nur über Zuzug. Ich merke das die Kirchengemeinde, Pfarrer*innen etc. unterschiedlich gute Arbeit leisten. Manchmal genial, andere ganz o.k. Doch ALLE schrumpfen. Es kann also nicht an der Einzelleistung liegen. Meine Erklärung dafür ist, dass die Kirchen ein Strukturproblem haben. Das WIE wir Kirche sind, ähnlich dem Staat als Behörde, passt nicht mehr zu dem wie wir in unserer Zeit und in unserem Land Kirche sein müssten, nämlich wie eine NGO. Gleichzeitig bewirkt gerade diese Struktur als „Behörde“, dass wir als Kirche so viel für unsere Gesellschaft tun können. Ich denke wir brauchen ganz wesentlich eine Systemveränderung UND eine deutlich bessere PR UND mehr Entscheidungsfreiheit für unsere Mitglieder wofür ihr Geld verwendet wird u.a. Eben eher ein agieren als NGO. Das Problem ist aber nun: Wie macht man eine Behörde und deren Personal zu einer NGO? Wie geht ein Systemwechsel? Antwort: Durch Revolution, Krise und Zusammenbruch. Sind wir aber schon an diesem Punkt? Viele Grüße. Oliver

    1. juhopma says:

      Vielen Dank! Ich fand deine Antwort sehr inspirierend!
      Ich würde sagen: Krise sind wir schon, oder?
      Zusammenbruch durchaus noch ein Stück weg (aber ich glaube näher als wir uns klar machen)
      Revolution… tja. Da sehe ich noch nicht so viel.
      Wie schätzt du das denn ein?

      Den Vergleich mit der NGO finde ich sehr spannend und war für mich auch wirklich neu – danke dafür! 🙂

  5. Karl-Martin Voget says:

    Lieber Jonas,
    Querdenker kann „die Kirche“ immer brauchen :o). Und die Frage nach dem Warum ist auch nicht neu. Die EKD wird jetzt wieder viel Geld für eine Umfrage ausgeben, die genau das gleiche Ergebnis bringt wie alle anderen vorher: die Menschen wünschen sich persönliche Kontakte, überzeugend gelebten Glauben und Hilfe in allen Lebenslagen. Dazu müsste man jetzt m.E. kein Geld ausgeben …
    Das mit der Messbarkeit von Erfolg ist natürlich auch so eine Sache. Ich wäre ja schon fast zufrieden, wenn die 2 oder 3 sich tatsächlich „im Namen Jesu“ versammeln und nicht „im Namen der sozialen Gerechtigkeit“ oder „der Toleranz“ etc,
    Ich selber bin jetzt seit über 30 Jahren Pastor, davon 18 Jahre in 2 Landgemeinden und 14 Jahre in einer Brennpunktgemeinde. In den ersteren waren ca. 2/3 der Einwohner Mitglied der evangelischen Kirche, in der letzteren ca. 20 %. Zum Schluss ist es mir nicht mehr gelungen, einen Kirchenvorstand zusammen zu bekommen, und nach dem 2. Burnout mit anschließendem Klinikaufenthalt habe ich die Gemeinde verlassen und bin jetzt Springer. Ich darf jetzt das machen, was ich kann (und wie ich glaube auch gut kann): Gottesdienste, Kasualien, Seelsorge, Zeit haben für die Menschen. Das tut mir sehr gut, und ich bekomme reichlich positive Rückmeldung. Ich erlebe auch viele sehr engagierte Menschen, aber die sind ebenfalls oft bis an ihre Grenzen und darüber hinaus belastet.
    2 Dinge noch, die ich kritisch sehe und einen Wunsch:
    1. Ich kann es nicht mehr hören, wenn jemand sagt „Die Kirche müsste aber mal mehr für … tun.“ (Wenn da statt … „mich“ stünde und ich zurückfrage, was die betreffende Person denn vermisst, kommt in der Regel 0 (Null!) Antwort.
    2. Wenn nur 10 % der Menschen, die mir nach einer Taufe, Trauung, Konfirmation oder Beerdigung gesagt haben, wie schön / toll o.ä. sie das fanden auch danach noch aktiv in der Gemeinde aufgetaucht wären, z.B. einmal im Monat im Gottesdienst, dann hätte ich längst Platzprobleme bekommen. (Das ist kein (!) Vorwurf, sondern nur eine schlichte Feststellung)
    Und mein Wunsch:
    Wenn von den Menschen, mit denen ich im Laufe eines Jahres in Kontakt komme, nur einige (mindestens 10 % wäre natürlich super toll!) einen Anstoß zum persönlichen Glauben an Jesus Christus als Erlöser bekommen und sich als lebendige Gemeindeglieder engagieren würden. Ich weiß, dass Glaube nicht messbar ist. Aber es könnte die Lage deutlich verändern :o)

    1. juhopma says:

      Das wäre vermutlich eine Erweckung, die ihresgleichen suchen würde! 🙂 🙂

  6. Wenn die Kirche wieder Antworten auf Fragen, die dem Menschen wichtig sind, geben kann, wird vielleicht auch mit der Kirche wieder was. Wo kommen wir her? Wer sind wir? Wo gehen wir hin? Was ist der Sinn des Lebens?
    Hier etwas zum Nachdenken: https://www.academia.edu/37936734/Genetik_Reinkarnation_Kirche

  7. Veronika says:

    Lieber Jonas,
    das ist Musik in meinen Ohren, das hier von einem Pfarrer zu lesen, nachdem ich bei uns vor Ort meine Mühe hatte mit dem Pfarrer und seiner „Das wird halt alles immer weniger, da kann man nichts machen“, verbunden mit „ich bin hier der Chef“-Attitüde. Als Nicht-Pfarrer hatte ich da nicht nur keinen Verbündeten im Bemühen um das Gemeindeleben, sondern eine Bremse. Und das loswerden und das unsägliche innerkirchliche Konflikmanagement …
    Jedenfalls ist die Kirche mich als Mitglied losgeworden. Ich freue mich trotzdem, dass die Pfarrerin, die jetzt da ist, wenigstens motiviert und umgänglich ist. Das mit der Zielerreichung ist natürlich eine schwierige Sache, die auch in nicht in unserer Hand liegt. Aber mit Gottvertrauen wenigstens etwas zu probieren uns ja wohl das mindeste, wenn man das mit dem Glauben irgendwie ernst nimmt.
    In dem Sinne alles Gute weiterhin, und nicht aufgeben, wenn die Ziele nicht so erreicht werden wie vorgestellt.

    1. juhopma says:

      Vielen Dank dir!
      Und toll, dass du „dran“ geblieben bist, auch wenn du nicht mehr Mitglied bist! 🙂

  8. Zitat: „Bestenfalls führt das insgesamt dazu, dass zumindest unser Anteil an der Misere gesenkt werden kann und wir bestenfalls den Abstieg aus der zweiten Liga vermeiden können.“

    Dafür gibt es ein Konzept aus der Offenbarung 3,14-22. Wenn die EKD zulässt, dass Theologen an den Universitäten grundlegende Glaubensinhalte in Zweifel ziehen, dann ist den Gemeinden, die auf dieser Welle schwimmen nicht mehr zu helfen. Es heißt dort: „15 Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! 16 Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde“.

    Zu befürchten wäre sogar, dass Gott die Hirten solcher Gemeinden sogar ganz disqualifiziert.

    Ich wohne seit 14 Jahren in derselben Gemeinde. Ich und meine Frau, wir sind schwerbehindert. Wir wohnen in einer Wohnanlage in einer barrierefreien Wohnung. Diese Wohnanlage, ab der 1. Etage nicht barrierefrei, wird mehrheitlich von Personen mit Migrationshintergrund bewohnt. Es sind alles nette, hilfsbereite Leute. Meine Nachbarn Vis-à-vis sind Mitglied einer freien Gemeinde, alle anderen Parteien im Haus sind Muslime. Dadurch sind wir für die Kirchengemeinde etwas abseits.

    Es gäbe ja eine Möglichkeit in die Kirche, den Gottesdienst zu gehen. Es gibt sogar eine Rampe für Rollstuhlfahrer. Nur ist es ein Problem mit einem E-Rollstuhl den Bürgersteig zu überwinden um überhaupt die Rampe zu erreichen.
    Die Pfarrerin ist wahrscheinlich mit finanziellen oder anderen wichtigen Themen so eingespannt, dass sie keine Zeit für Hausbesuche hat. Wir hatten sogar die Gelegenheit für eine Familienfeier das Gemeindehaus zu mieten. Ein Kirchenvorstandsmitglied organisiert das. Wir bekommen sogar regelmäßig den Gemeindebrief. Aber gesprochen hat in all den Jahren noch niemand mit uns.
    Klar, wir hätten die Initiative ergreifen können. Wir leben ein Leben „…wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen…“ Jesus ist auch da, wo keine Kirchengemeinde ist.
    In meinem früheren Leben, vor 40 Jahren war ich sogar mal Kirchenvorstand (nachberufen). Der Kirchenvorstand war sehr groß (über 10.000 Gemeindeglieder) Es gab ein KV-Mitglied den habe ich in 10 Jahren nur ein einziges Mal bei einer Sitzung erlebt.

    Die Kirche in Deutschland schläft den Schlaf der Gerechten. Oder?

    Ob ich eine Bereicherung für die Kirchengemeinde sein könnte, weiß ich nicht. Vor 40 Jahren jedenfalls wurde ich von einigen anderen KV-Mitgliedern belächelt, weil ich CVJMer war und auch in die Bibelstunde bei der Stadtmission gegangen bin.

    Heute bin ich ernüchtert über Kirche.

  9. Bärbel Schneider says:

    NIE stimmt eigentlich nicht. Es kommt nicht darauf an, Verantwortung für die Versäumnisse und das Verschulden oder die Gleichgültigkeit anderer zu übernehmen. Sondern die Verantwortung, aufzustehen und die Verantwortung zu übernehmen etwas zu ändern – das ist nötig.
    Wer tat das?
    Martin Luther. Er begann mit dem Thesenanschlag. Frag doch mal die Jugend (absichtlich diese) welche Thesen heute noch Gültigkeit haben, welche hinzukommen sollen und wo man sie anschlägt (vielleicht über facebook?)

    1. juhopma says:

      Du hast völlig recht, „nie“ stimmt eigentlich nie (okay, dieser Satz beißt sich ;)).

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