Es läuft nicht so bei uns in Kirche. Ehrlich gesagt kämpfen wir gegen den Abstieg. Aber wie kommt es eigentlich, dass in Kirche nie irgendjemand Verantwortung übernehmen muss, wenn es nicht läuft? Egal wie mies die Saison ist: Schuld haben alle – nur wir nicht. 

Ich lese relativ regelmäßig das „Manager Magazin“ und erfahre so dann immer mal wieder, bei welchen Unternehmen es läuft und bei welchen nicht. Welche Manager mehr oder weniger Boni erhalten haben, wer entlassen wurde, wer neu angestellt wurde. Was mir vor kurzem dabei aufgefallen ist: Wie kommt es eigentlich, dass bei uns in Kirche nie irgendwer für irgendwas gerade stehen muss?

Ich meine: wir müssen ja nicht gleich den HSV nehmen, aber nehmen wir einen normalen Bundesliga-Verein. Natürlich ist das nicht immer fair, dass der Trainer gehen muss, wenn die Saison mies läuft. Oder wenn der Sportchef gehen muss, weil die Transfers völlig in die Hose gingen. Aber: es ist trotzdem völlig normal, dass jemand die Verantwortung übernimmt, wenn es schlecht läuft.

Das kennen wir vom Fußball und aus der Wirtschaft. Aber in der Kirche?

Kirche ist anders!

Manche mögen einwenden, dass das ja gerade das Schöne an und in Kirche sei. Bei uns gibt es keine Leistungsziele, keinen Erfolgscheck und auch keinen Erfolgsscheck. Es geht bei uns nicht darum, dass irgendwelche Zahlen stimmen oder etwas wachsen muss und wir bewerten nicht, wer gute und wer schlechte Arbeit macht.

Ja… aber.

Ja: irgendwie ist das mit Sicherheit eine schöne Seite an Kirche. Und ich werde hier mit Sicherheit kein Plädoyer dafür halten, dass wir uns am HSV orientieren und pro Saison 42 Trainer verbrauchen oder dass wir wie so manches börsennotiertes Unternehmen nur noch nach irgendwelchen Kennzahlen geiern.

Der Punkt ist nur: das Leben besteht ja zum Glück aus mehr als nur schwarz-weiß-Denken. Es gibt ja nicht nur entweder oder, sondern auch viel Raum dazwischen. Und meine These ist: da müssen wir als Kirche dringend rein.

Verantwortung und Überprüfbarkeit

Jetzt mal unter uns: Pastoren und Pastorinnen leben in einer quasi völlig unkontrollierten und unreflektierten Arbeitswelt. Wir können quasi machen, was wir wollen. Wir könnten eine hochlebendige Gemeinde voll gegen die Wand fahren – die Gemeinde würde uns nicht oder echt nur sehr mühsam wieder los.

Offiziell leiten „Kirchengemeinderäte“ die Gemeinden. Abgesehen davon, dass sie ihre Pastoren kaum loswerden, gilt auch für sie: sie stehen einer eigenständigen Körperschaft öffentlichen Rechts vor (das ist nämlich jede Gemeinde) und es gibt nahezu keine Mechanismen, die diese Arbeit auf Erfolg/Misserfolg überprüfen, kontrollieren oder sogar nach Verantwortung fragen.

Natürlich: wenn es richtig schlimm wird, dann greifen Kirchengesetze. Wer Geld veruntreut, grob fahrlässig handelt etc. – über sowas müssen wir nicht reden. Aber darum geht es ja auch nicht beim Unternehmen und beim Bundesliga-Verein. Die Trainer fliegen ja nicht, weil sie Geld veruntreut haben, sondern weil dem Verein der Abstieg droht.

Sprich: es geht mir nicht um die klaren Fälle, wo selbst in Kirche dann Verantwortung übernommen wird, weil es letztlich auch strafrechtliche Folgen hat oder hätte. Es geht mir um die Frage, warum niemand in unserem Laden Verantwortung dafür trägt, dass unserem Verein der Abstieg droht.

Und seien wir ehrlich: aus der ersten Liga sind wir schon lange abgestiegen. Wir kämpfen gerade eher darum, ob wir noch in der zweiten bleiben oder nicht.

Wohlfühlverein

Wir sind ein Wohlfühlverein. Punkt. Was wir am besten können? Uns gegenseitig erzählen, wie toll wir sind. Aber mal ehrlich auf die Arbeit schauen, die wir dann wirklich machen? Wann und wo passiert das? Und wenn es passiert, was wird dann eigentlich angeguckt? Ja, ich bin noch nicht lange Pastor. Aber meine Erfahrung bis hierhin ist: wir werden uns auch noch gegenseitig mit Lobeshymnen überschütten, wenn es wirklich nur noch 2 oder 3 sind, die sich im Namen von Jesus versammeln.

Wie kann das sein, dass wir Jahr für Jahr weniger werden, dass es keinen Plan gibt, wie wir den weiteren Abstieg vermeiden – und trotzdem kraulen wir uns weiter gegenseitig die Eier?

Ganz einfach: Weil natürlich alle Schuld haben. Nur wir nicht. Es ist der demografische Wandel. Es ist der Jahrgang mit den wenigen Geburten. Es ist der heiße Sommer. Corona. Die Leute haben heute ja auch so viel anderes zu tun. Meine Güte! Wenn wir die Zeit, die wir zum Ausdenken von Ausreden aufwenden, stattdessen nutzen würden, um an Konzepten für die Zukunft zu arbeiten. Wir könnten vermutlich eine ganze Bibliothek füllen.

Messbare Ziele

Ich wünsche mir, dass wir in Kirche anfangen uns aus der Wohlfühl-wir-machen-alle-immer-tolle-Arbeit-egal-wie-es-läuft-Zone herauszubewegen. Und nein: wir wollen kein HSV werden und kein DAX-Unternehmen. Aber lasst uns doch z.B. mal mit Zielen anfangen. Messbaren Zielen. Gut, daran scheitert es vermutlich dann schon schnell. Denn wenn ich mir das Ziel setze, den Gottesdienstbesuch in diesem Jahr um 10% zu steigern, dann wird gleich jemand kommen und sagen, dass es darum nicht geht. Es geht doch um Menschen und nicht um Zahlen.

Ich glaube aber: uns tun Ziele gut. Als Pastoren und Pastorinnen, als Kirchengemeinderäte, als Menschen, die in Kirche (zumindest rein theoretisch) Verantwortung tragen. Wir müssen uns doch keine illusorischen Ziele setzen. Ich setze mich doch auch nicht hin und sage: „Hey, ich will im nächsten Jahr 10% mehr Gemeindemitglieder!“.

Aber ich habe mir z.B. diese Ziele bis Ende 2021 gesetzt:

  • Durchschnittlich mind. 65 Besucher pro Gottesdiensttag (aktuell 44)
  • Durchschnittlich mind. 2,25 Euro Kollekte pro GD-Besucher (aktuell 1,74)
  • Mieteinnahmen der Gemeinde um mind. 25% erhöhen
  • Weniger als 1% Mitgliederverlust pro Jahr (aktuell -2,8%)
  • Zufriedenheitsrate unter Mitarbeitern bei mind. 4,0 (aktuell 4,1)
  • Haushaltsdefizit nach Rücklagenbildung bei max. 25.000 Euro (aktuelle Info ist nicht öffentlich ;-))
  • Mind. 100 aktiv Mitarbeitende in der Gemeinde (aktuell 81)

So, und wenn ich Ende 2021 auf diese Ziele schaue und wir dann weniger Gottesdienstbesucher und weniger Kollekte als 2019 hatten – dann ist das doch erstmal ein Zeichen dafür, dass (entweder meine Ziele völlig dumm waren oder dass) was mit meiner Arbeit nicht stimmt.

Lernfeld: Miese Arbeit

Und genau das müssen wir in Kirche glaube ich lernen: wir machen häufig schlechte Arbeit. Und ja: es liegt auch an uns, wenn es nicht läuft.

Wenn Deutschland bei einer Fußball-WM kein gutes Turnier spielt, dann kann das auch mal Pech sein. Verletzungen von Leistungsträgern, einfach immer den Pfosten getroffen, unglückliche Schiri-Entscheidungen. Ja: es gibt Entschuldigungen und es gibt externen Einfluss. Auch bei uns in Kirche. Aber nie und niemals zu 100%. Egal wie unglücklich so ein WM-Turnier verläuft. Wenn es die Jahre davor extrem gut läuft, dann bekommt der Trainer nochmal eine Chance. Aber wenn das nächste Turnier dann auch nichts wird, dann wird es vermutlich auch für Jogi eng.

Bei uns in Kirche haben wir aber ehrlich gesagt schon sehr lange kein gutes Turnier mehr gespielt. Und es wird Zeit, dass wir lernen Verantwortung zu übernehmen, wenn es nicht läuft. Auf jeder Leitungsebene in Kirche. Synodale, Bischöfe, Pröpste, Pastoren (und ja auch die weiblichen Formen), Kirchengemeinderäte.

Natürlich erhoffe ich mir, dass wir in Kirche immer aus theologischer Sicht eine äußerst erhöhte Fehlertoleranz haben. Aber nur weil Gott uns unendlich liebt und Jesus für jede Schuld am Kreuz gestorben ist, können wir doch nicht einfach jede noch so schlechte kirchliche Arbeit schön reden und die Probleme für unseren Abstieg immer woanders suchen.

Den nächsten Abstieg verhindern!

Nein, das hier ist keine Lösung für unseren Kampf gegen den Abstieg. Aber ich glaube es ist ein Teil des Problems. Einer der Gründe, warum wir da stehen, wo wir stehen. Weil wir uns lieber gegenseitig stärken und alles schön reden, anstatt auch einfach mal zu sagen: „Das ist Mist“. Oder: „Hast du überhaupt ein Konzept hinter deiner Arbeit?“ oder „Ich bin nicht der/die Richtige für diese Arbeit.“

Ja, ich glaube: wir brauchen Ziele, eine ehrliche Fehlerkorrektur und den Mut Verantwortung zu übernehmen.

Bestenfalls führt das insgesamt dazu, dass zumindest unser Anteil an der Misere gesenkt werden kann und wir bestenfalls den Abstieg aus der zweiten Liga vermeiden können.

 

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