Mit Dinos wäre das Leben geiler!

Oder: Warum ich ein Vikariat in der evangelischen Landeskirche mache. Wieso ich von Freikirchen und Gemeinde-Neugründungen nur wenig halte. Und was das alles mit dem HSV, der Landeskirche und einfachkirche zu tun hat.

Ich mache ein Vikariat in der evangelisch-lutherischen Kirche in Norddeutschland. Warum gerade dort? In Deutschland sind aktuell grob gesagt 30% der Bevölkerung katholisch, 30% evangelisch, 35% keiner Religion und 5% einer anderen Religion zugehörig. Ich hätte mich also durchaus auch anders entscheiden können.

Gut, zugegeben: Ich habe nie ernsthaft darüber nachgedacht katholisch zu werden. Und eine nicht-christliche Religion kam für mich auch nicht in Frage. Aber selbst als ich nur innerhalb der evangelischen Kirche gesucht habe: Es gab mehrere Möglichkeiten Pastor zu werden.

Möglichkeit 1: Ich gehe in die Landeskirche.
Was die Landeskirche ist? Etwas vereinfacht gesagt: Das ist die Kirche, zu der du gehörst, wenn du Kirchensteuer zahlst. Von den rund 30% evangelischen Christen gehören nahezu alle zur EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland. Diese EKD ist dann wieder unterteilt in Landeskirchen. Ein klein wenig so, wie wir auch Bundesländer haben. Aber auch nur fast. Denn für Norddeutschland gibt es z.B. eine Landeskirche für Hamburg, Schleswig-Holstein und Meck-Pomm zusammen. Eine andere Landeskirche besteht für Berlin-Brandenburg etc.

Möglichkeit 2: Ich gehe in die Freikirche
Was eine Freikirche ist? Etwas vereinfacht gesagt: Alles, was nicht zur Landeskirche gehört. Größter Unterschied: Du zahlst als Mitglied in der Freikirche gewöhnlich nicht Kirchensteuer, sondern zahlst eine (mal mehr, mal weniger) frei wählbare Summe direkt an deine Gemeinde. Auch hier gibt es Verbände und Zusammenschlüsse, aber an sich ist jede Gemeinde deutlich freier in ihren Entscheidungen, ihrer Organisation, aber auch ihrer Theologie und ihren Gestaltungsmöglichkeiten.

Möglichkeit 3: Ich mache eine eigene Kirche auf
Klingt vielleicht erstmal etwas salopp. Aber durchaus denkbar. Gerade in Berlin ploppen etliche neue Gemeinden hervor. Und das ist ja auch erlaubt, also rein rechtlich und auch theologisch. Ich könnte mich mit ein paar Leuten zusammentun und wir könnten eine eigene Kirche/eine eigene Gemeinde gründen (was das eigentlich für ein Unterschied ist, Gemeinde und Kirche, und was ich über die Unterscheidung denke – darüber schon bald mehr hier auf juhopma.de)

Es gibt viele Möglichkeiten Pastor zu werden. Als ich vor vielen Jahren entschieden (oder erkannt?) habe, dass ich Pastor werden möchte, da hatte ich durchaus eine Wahl. Und ich habe mich sehr bewusst für die Landeskirche entschieden. Würde es immer wieder tun. Und stehe hinter meiner Entscheidung.

Warum also die Landeskirche?

Ich möchte es dir mit dem HSV als Beispiel erklären.

Situation: Ich bin leidenschaftlicher Fußball-Fan. Ich wohne in Hamburg. Ich träume von hochklassigem Fußball, der die ganze Stadt elektrisiert und begeistert.

Realität: Der Fußball in Hamburg ist am Boden. Insbesondere der HSV. In jeglicher Hinsicht. Es gibt zwar noch weitere Fußball-Vereine in Hamburg, aber die sind deutlich kleiner, auch nicht erfolgreicher und erreichen bislang nicht annähernd so viele Leute.

Lösungsmöglichkeit 1
Ich tue alles dafür, dass es beim HSV wieder hochklassigen Fußball gibt.

Lösungsmöglichkeit 2 
Ich suche mein Glück bei einem anderen Verein.

Lösungsmöglichkeit 3 
Ich gründe einen eigenen Verein und versuche mit ihm hochklassigen Fußball, der die Massen begeistert, zurück nach Hamburg zu bringen.

Noch bin ich davon überzeugt, dass die erste Lösungsmöglichkeit die erfolgversprechendste ist. Ich glaube, dass es sinnvoller ist, den HSV nicht komplett aufzugeben, nicht zu warten bis er endlich stirbt – und stattdessen ein neues Hamburger Fußball Team zu gründen – sondern alle Kraft und Leidenschaft in eine grundlegende Neuausrichtung des Vereins zu stecken.

Der HSV hat immer noch großes – nicht nur finanzielles – Kapital. Er hat einen Namen. Eine Geschichte. Ist in der Gesellschaft und im Leben vieler Menschen verankert. Es ist ganz offensichtlich unglaublich schwierig diesen dicken und unbeweglichen Dino aus seiner misslichen Lage zu befreien. Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es mit genug Anstrengung möglich ist, den HSV wieder auf Kurs zu bringen. Auf einen neuen Kurs. Und ich bin davon überzeugt, dass dies der deutlich sinnvollere Weg ist, als neben dem HSV nun etliche neue Vereine zu gründen, die alle versuchen es besser als der Dino zu machen. Oder alles auf einen anderen Verein zu setzen.

Achtung. Transferleistung gefragt (oha, und jetzt auch noch ein Wortspiel mit Transfer und Fußball…). Also, was ich mit dem Bild sagen will:

Auch die Landeskirche steckt in einer misslichen Lage.

Sie hat sich wie der HSV zu wenig bewegt. Falsch investiert. Zu groß gedacht. Schwelgt in Erinnerungen, anstatt mutige Schritte nach vorne zu gehen. Hat ein Führungsproblem. Auch die Landeskirche ist ein dicker Dino. Und ja, die Dinosaurier sind ausgestorben. Ich weiß. Aber bei diesem Dino sehe ich noch Licht. Nicht nur beim HSV. Sondern vor allem bei der Landeskirche.

Die Landeskirche hat noch Potential. Sie hat noch – nicht nur finanzielles – Kapital. Die Landeskirche hat das Geld, um sich zu verändern. Sie kann umschwenken. Sie ist noch in vielen, vielen Bereichen der Gesellschaft verankert. Sie wird noch auf vielen Ebenen geschätzt. Sie hat noch immer eine gesellschaftliche Stimme. Besitzt noch immer Einfluss. Vorrechte.

Situation: Ich bin voller Leidenschaft für die Frohe Botschaft. Ich träume von ansprechenden (im wahrsten Sinne des Wortes) Kirchen, die die ganze Stadt elektrisieren und begeistern.

Realität: Die Kirche ist am Boden. In vielerlei Hinsicht. Auch wenn sie es noch nicht einsieht. Es gibt neben der Landeskirche andere Kirchen, die aber deutlich kleiner sind und vergleichsweise kaum Menschen erreichen.

Lösungsmöglichkeiten 3
Ich gründe eine eigene Kirche und versuche mit ihr ansprechende Kirchen zu errichten und die Massen zu erreichen.

Lösungsmöglichkeit 2
Ich suche mein Glück in einer anderen Kirche.

Lösungsmöglichkeit 1
Ich tue alles dafür, dass es in der Landeskirche wieder ansprechende Kirchen gibt.

Ich habe mich für das Vikariat entschieden, weil ich davon überzeugt bin, dass Möglichkeit 1 die beste ist. Ich kenne genug Freikirchen. Ich kenne genug Gemeindegründungen. Und weißt du was? Ich finde sie fast alle toll. Bereichernd.

Es ist beneidenswert, wie einfach es dort manchmal ist, Dinge zu verändern. Neues zu wagen. Und doch stelle ich im Großen und Ganzen fest: Es ist nicht relevant für die Masse. Und du weißt ja schon, was ich denke: Mehr ist Mehr! Freikirchen und Gemeindegründungen sind ein nicht-wachsendes Nischenangebot.

Und weißt du, wieso ich glaube, dass es so ist? Weil die Leute eigentlich immer noch an ihren Dino denken. Der HSV-Fan geht nicht zu St. Pauli. Er geht auch nicht zum NHSV (dem Neuen Hambuger Sport Verein). Er geht. Weg. Er. Kommt nicht. Mehr.

Aber er kommt wieder. Davon bin ich überzeugt. Wenn das Angebot wieder stimmt. Er lässt sich noch begeistern. Nur: Es ist noch ein weiter Weg. Ein so weiter Weg, dass es erhebliche Veränderungen braucht. Beim HSV. Und in der Landeskirche.

Deshalb: einfachkirche.

Versteh es als meine persönliche Zusammenfassung all der Dinge, die Landeskirche tun sollte. Aus meiner Sicht. Damit der Dino nicht stirbt.

Ein Dino-Rettungspaket.

einfachkirche ist keine Freikirche. Keine Gemeindegründung. Sie ist gedacht als Landeskirche. Als Teil der Landeskirche. Nur eben als stark reformierte, als veränderte Landeskirche.

Und ich freue mich, ein Teil dieser sich verändernden Landeskirche sein zu dürfen. Deshalb das Vikariat.

Und sei doch mal ehrlich: Es wäre schon ziemlich geil, wenn es noch Dinos gäbe. Oder nicht?!

 

3 Gedanken zu „Mit Dinos wäre das Leben geiler!

  • 12. Dezember 2016 um 23:15
    Permalink

    Im Text erläuterst du ja, dass du von Freikirchen mehr hältst, als du eingangs sagst.
    Du meinst die Kirche sei aktuell am Boden? So kommt es mir gar nicht vor und es gibt so viele Positiv-Beispiele, aber ich denke, dass die aktuellen Aussichten nicht unbedingt die Besten sind, dass aber Gott uns auch durch diese schweren Zeiten hindurchführt, und daraus heraus der Gottes Größe erst recht sichtbar werden wird.

    Antwort
    • 13. Dezember 2016 um 13:19
      Permalink

      Ja, um im Bild zu bleiben: Ich habe nichts gegen andere Fußballvereine 😉 Nur sehe ich in ihnen keine Lösung des eigentlichen Problems… also nur imm „Gemeindebau-Sinne“ halte ich wenig von Freikirchen. Ansonsten schätze ich sie durchaus 🙂
      Zur Kirche am Boden: Ja, das meine ich. Werde ich demnächst auch noch genauer hier ausführen. Mir geht es da vor allem um Relevanzverlust. Also an dem mache ich das fest, bzw. das ist der Grund für meine Meinung.
      Zum letzten: Ja, absolut. Also… um Gott mache ich mir eh keine Sorgen 😉 Der hat mit seiner Kirche schon Schlimmeres durchgemacht und wenn man jetzt etwas gewagt die heutige Kirche mit dem Volk Israel gleich stellt und dann ins Alte Testament schaut… dann sollte auf jeden Fall klar sein, dass er die Kirche nicht hängen lässt, egal wie schlecht die Aussichten sind!

      Antwort
  • Pingback: Das ist einfachkirche! | juhopma.de

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