Pastoren, lasst die Profis ran!

Pastoren können alles. Und Pastorinnen natürlich auch. Es gibt nichts auf der Welt, was wir nicht können. Ja, wir sind so gut in allem, dass wir es uns sogar selber beibringen. Wozu braucht man schon Experten oder Profis, wenn man Pastoren und Pastorinnen hat? Ja, warum gibt es überhaupt noch andere Berufe, wo wir doch schon alles können?!

Vielleicht wusstest du es noch nicht, aber: ich kann schon bald alles. Ja, es wird nichts geben, was du dann noch besser kannst als ich. Denn: Schon bald bin ich Pastor. Und da sieht dann sogar Chuck Norris schlecht aus.

Als Pastor kann ich gut reden. Ich kann singen. Ich bin für Menschen da, wenn es ihnen nicht gut geht. Ich finde immer die richtigen Worte. Ich kann vor vielen Leuten selbstbewusst auftreten. Ich kann hervorragend leiten! Und organisieren. Projekte planen. Und meine Fähigkeiten in der Verwaltung… ganz ausgezeichnet! Und hast du schon mal gesehen, wie gut ich mit Kindern und Jugendlichen kann? Oder jungen Erwachsenen? Und Familien! Und mit den Senioren erst… ! Und Finanzen… also wenn du jemals Fragen hast: frage mich! Ach und im Bauwesen bin ich natürlich auch Experte. Logisch.

Wenn ich erstmal Pastor bin, dann wird es in meiner Gemeinde niemanden geben, der irgendetwas besser kann als ich. Ich werde jeden Ausschuss leiten und in jedem Bereich der Gemeinde etwas zu sagen haben. An mir wird einfach keiner vorbeikommen. Wie auch? Wie soll das auch gehen, bei einem so unglaublich breit ausgebildeten Menschen?!

Eine Ausbildung zum Superman

Früher habe ich mich oft gefragt, wieso Pastoren einfach alles können. Inzwischen weiß ich es. Unsere Ausbildung ist einfach so unglaublich vielseitig. Wir lernen alles. Wirklich alles. Und weil wir so gut sind, müssen wir auch gar nicht tief in die Materie einsteigen. Ein Crash-Kurs Pädagogik? Zack, Lehrer. Projektmanagement? Schon nach ein paar oberflächlichen Stunden sind wir Experten. Toll oder?

Schade, dass nicht alle Menschen so schnell Experten für alles werden können… Aber wir sind ja auch schon durch unser Studium exzellent vorbereitet. Von daher ergibt es alles auch irgendwie Sinn.

Wer braucht schon Experten?

Und das Beste kommt ja noch: Weil wir Pastoren so unglaublich vielseitig gebildet sind und alles können, muss man in der Ausbildung ja auch gar keine Experten oder Profis für die jeweiligen Gebiete einladen. Das ist ja auch völlig logisch! Es gibt doch schon andere Pastoren, die alles können. Also kann man die doch einladen und die zukünftigen Pastoren ausbilden.

Ach, das ganze Leben ist so einfach und praktisch, wenn man alles kann… und später in der Gemeinde macht es die Sache auch so schön simpel.

Und jetzt im Ernst?

Und mit weniger Polemik und Ironie? Eigentlich können wir nichts. Wir haben Theologie studiert. Und das heißt fast immer, dass wir mindestens sechs Jahre lang zwar irgendwas gemacht haben, aber eigentlich nichts, was man als Pastor so richtig gebrauchen kann.

Klar, wir sind – im besten Fall – gute Theologen. Wir können weit und breit denken. Können Texte erfassen. Wir sind ganz sicher nicht dumm. Aber… wenn wir es auf die Praxis beziehen? Dann… sind wir nicht ausgebildet als Seelsorger oder Pastoren. Wir haben keine Leitungsfähigkeiten und sind ganz sicher keine Pädagogen.

Luftnummer Theologiestudium

Eigentlich haben wir nur sechs Jahre lang daran gearbeitet, die Zugangsvoraussetzung zum Vikariat zu erlangen. Und dann? Dann kommt die praktische Ausbildung? Ja, in der Theorie natürlich schon.

In der Realität hüpfen wir von Thema zu Thema ohne irgendwo einmal auch nur kurz anzuhalten. Wir hören von allem Möglichen, wirklich lernen bzw. erlernen, Fähigkeiten erlangen, Kompetenzen erwerben sieht ganz sicher anders aus.

Und anstatt in der Ausbildung Profis und Experten auf ihren jeweiligen Gebieten einzusetzen, zieht man es in den allermeisten Fällen vor, uns von Theologen/Pastoren (und natürlich auch die weibliche Form) ausbilden zu lassen. Und so lernen wir von fachfremden Dozenten oberflächlich etwas über Soziologie. Zum Beispiel. Warum eigentlich nicht von einem Soziologen?

Wir sind Fachidioten. Nicht mehr und nicht weniger

Weißt du, was ich bislang kann? Theologie „treiben“. Ich kann mich in einer Predigtvorbereitung in der Theologie verlieren. Das kenne ich aus dem Studium. Darin bin ich geschult. Kurz danach hören meine durch Studium und Vikariat erlernten Fähigkeiten und Kompetenzen aber auch auf.

Wie wäre es, wenn wir das auch einfach mal ehrlich kommunizieren?

Wir Pastoren und Pastorinnen können nicht alles. Nein, um ehrlich zu sein, können wir ganz schön wenig. Und vielleicht gerade deshalb, weil wir aus irgendeinem Grund alles können sollen.

Weniger ist mehr

Manchmal ist weniger dann eben doch mehr. Das kennt man doch auch aus dem Urlaub. Du kannst in der einen Woche versuchen alles anzuschauen und am Ende hast du irgendwie nichts richtig gesehen.

Wenn ich für diese Woche beim Sams noch einen Wunsch frei habe, dann würde ich mir gerne wünschen: Weniger ist mehr. Auch in der Ausbildung. Wir müssen nicht alles sehen und alles vermeintlich können.

Es wäre doch ein Anfang, wenn wir am Ende der Ausbildung wenigstens eine Sache richtig könnten. Und für alles andere… lassen wir die Profis ran. Deal?

 

Ein Gedanke zu „Pastoren, lasst die Profis ran!

  • 4. Juni 2017 um 21:49
    Permalink

    Abgesehen davon, dass das vermutlisch „schon immer so gemacht wurde“, braucht man heutzutage wohl solch eine Ausbildung, damit Du auch in einer Gemeinde mit 10 Besuchern und 1 Ehrenamtlichen (der Küster) klar kämst. Eine Gemeinde mit 40-100 Ehrenamtlichen (das gibt es!) hat dann halt auch noch einen Pastor, der zumindest richtig gut predigen kann (aufgrund seiner Ausbildung) und für den Rest gibt es Mitarbeiter; der Gemeinde, nicht Mitarbeiter des Pastors! (alte Gemeindeentwicklungsweisheit)

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