Lasst die Kirche im Dorf! (und auch in der Stadt!)

Es kommen immer weniger Menschen in die Kirche. Kirche hat immer weniger Geld. Und zu viele Gebäude. Beliebte Reaktion: Gemeinden zusammenlegen, Gebäude verkaufen. Klingt häufig vernünftig – und trotzdem bin ich dagegen. Ein Plädoyer für den Erhalt unserer Kirchen. Koste es, (fast) was es wolle!

Ja, es ist wirtschaftlich gesehen mit Sicherheit vernünftig. Und die Sparkassen, Banken und die Post machen es ja genauso. Wenn die Nachfrage in einer Region sinkt und sich eine Filiale nicht mehr rechnet, dann schließt man gerne mal diese Filiale. Oder legt zwei zusammen. Dann gibt es eben nur noch eine Bankfiliale für die Region und nicht mehr in jeder Stadt eine.

Nach dem gleichen Prinzip arbeiten wir in Kirche auch häufig. Bei Gebäuden und bei Pastoren. Soweit ich das sehen kann, gilt auf dem Land meistens: wir erhalten die Kirchgebäude, aber reduzieren die Pastoren, bzw. legen die Gemeinden zusammen. Das führt dann dazu, dass eine Gemeinde plötzlich aus sieben Kirchen besteht und der eine Pastor „bespielt“ alle sieben. Nicht an jedem Sonntag natürlich. Da gibt es verschiedenste Konzepte… z.B. dass Gottesdienste „kreisen“ und mal hier und mal da stattfinden. Oder 2-3 hintereinander am Sonntag zu verschiedenen Zeiten.

In der Stadt (zumindest aus Hamburg kann ich das sicher sagen) scheint mir ein etwas anderes Prinzip zu gelten: Gemeinden werden zusammengelegt – Gebäude aber gerne auch mal abgestoßen. Verkauft, abgerissen oder umfunktioniert. Vielleicht liegt es daran, dass die Grundstücke einfach so viel wert sind… ich weiß es nicht. Ist aber auch letztlich egal.

Weniger Mitglieder = weniger Gebäude?

Entscheidend ist: In immer mehr Fällen haben wir zu viele Kirchen für die wenigen Leute, die noch zu uns kommen. Und so eine Kirche zu behalten, das kostet. Instandhaltung, Heizkosten und so einiges mehr. Irgendwie klingt das ja nur logisch und vernünftig, dass man sich da von Gebäuden trennt. Quasi die Gebäude der Menge an Menschen anpasst.

Trotzdem bin ich dagegen. Warum? Weil wir es glaube ich noch bitter bereuen werden. Und weil wir damit selbst dazu beitragen aus der Gesellschaft zu verschwinden. Und zwar so richtig.

Ja, es kommen nicht mehr so viele Leute zu uns. Aber trotzdem kenne ich genug Menschen, die in Krisenzeiten durchaus einen Pastor aufsuchen. Oder sogar eine Kirche. Vor kurzem erzählte mir ein Mann, dass Kirche an sich nichts für ihn sei. Aber manchmal, da gehe er in die Kirche und genieße die Ruhe. Einfach da sitzen. Zur Ruhe kommen. Er glaube ja schon irgendwie an Gott und in diesen Momenten, da fühle er sich ihm nahe.

Ja, es kommen nicht mehr so viele Leute zu uns in die Gottesdienste und in die Veranstaltungen. Aber ich glaube es werden auch nicht mehr, wenn wir quasi unsere „Leuchtreklame“ abreißen, umfunktionieren oder anderweitig abgeben. Unsere Kirchen, und ich meine jetzt wirklich Kirchen und nicht irgendwelche hässlichen Gemeindehäuser, stehen noch für etwas. Klar, für etwas Altes. Aber wer sagt, dass die Menschen nicht genau das auch manchmal suchen? Wer sagt, dass die Menschen es nicht wieder mehr suchen?

Kirchen brauchen eine neue Aufgabe

Ja, die Zeiten ändern sich. Und ja, ich bin dafür, dass wir als Kirche mitgehen und uns ändern. Aber lasst uns woanders anfangen, als bei den Kirchen. Wenn niemand mehr in den Gottesdienst kommt? Dann feiern wir eben dort keinen Gottesdienst mehr. Und versuchen dafür die Kirche so viel wie möglich zu öffnen. Als „Ruheraum“ für all die gestressten Menschen da draußen. Diese Kirche muss nicht von Pastoren „begleitet“ werden. Diese Kirche muss nicht geheizt sein, die Orgel nicht top in Schuss sein… aber vielleicht gibt es von Ehrenamtlichen geleitete Gebete. Ein Morgengebet, ein Mittagsgebet, ein Abendgebet… die Gedanken sind frei, oder nicht?

Ja, es kommen immer weniger Menschen zu unseren Veranstaltungen. Aber zumindest in der Großstadt könnten wir mit unseren Kirchen Oasen der Ruhe und Stille sein. Und zwar erstmal einfach als Orte. Als Orte, die geöffnet haben. Als Orte, in denen Menschen „heraustreten“ können aus dem Leben da vor der Kirchtür.

Ja, Kirchen sind alt und haben eine miese Akustik und wirklich wohl fühlen tue ich mich selten darin. Und ja, ich denke, wir sollten echt raus aus den Gebäuden. Raus zu den Menschen und dort Gottesdienst feiern. Aber… lasst uns unsere Gebäude nicht vorschnell aufgeben. Sondern das nutzen, wofür sie noch stehen. Das nutzen, was Menschen noch mit ihnen verbinden. Positives verbinden.

Und dafür sollten wir sie öffnen und nicht abschließen. Dafür müssen wir auch keinen teuren Pastor an jeder Kirche bezahlen. Und… dafür sollten wir sie behalten.

Lasst uns unsere Kirchen behalten!

Ja, es ist teuer sie zu erhalten. Aber dann lasst uns einen Weg finden, sie zu finanzieren. Was muss sein, was nicht? Pastorat und Gemeindehaus? Damit verbinden die Menschen nicht das, was sie mit der Kirche verbinden… warum also unseren Gebäudefuhrpark nicht entschlacken, aber die Kirchen behalten?

Und ja, lasst sie uns als Zeichen behalten. Dass wir noch da sind. Als Kirche. Lasst uns die Kirche im Dorf lassen. Und gefälligst auch in der Stadt. Das Problem sind am Ende doch nicht die Gebäude, sondern dass wir nicht wissen, wie wir sie gut nutzen sollen. Denn es fühlt sich natürlich komisch an und ist finanziell schwer haltbar, wenn wir mit 20 Leuten in einer Kirche mit 300 Plätzen sitzen.

Daher… mein kleines Plädoyer: Lasst uns Kirchen für das nutzen, was eigentlich nur sie als Kirche können. Und das ist mindestens ein Zeichen sein. Aber sicherlich auch Orte der Ruhe. Orte, von denen man erwartet, dass man hierher kommen kann, wenn wirklich nichts anderes mehr geht. Es sind Orte, an denen die meisten Menschen wohl immer noch erwarten würden, dass man da mit diesem Gott – sofern es ihn denn doch geben sollte – irgendwie Kontakt aufnehmen könnte.

Wollen wir uns wirklich dieses Zeichens und dieser Chance berauben? Ich… bin auf jeden Fall dagegen!

3 Gedanken zu „Lasst die Kirche im Dorf! (und auch in der Stadt!)

  • 15. Juni 2017 um 19:41
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    Ein sehr guter Vorschlag, den ich auf jeden Fall unterstütze! Natürlich auch toll geschrieben, gut aufgebaut und so weiter – diese Lobeshymnen von mir kennst du ja so langsam zur Genüge 😉
    Aber ich wollte noch einmal kurz auf die Situation in Frankreich hinweisen: Dort wird nämlich, vor allem auf dem Land, genau das gemacht, was du hier bewirbst! Viele Kirchen haben schon lange keinen Pastor mehr, und werden vielleicht bautechnisch einigermaßen in Schuss gehalten, aber sonst passiert nicht besonders viel damit. Aber, und das finde ich in Frankreich unglaublich wertvoll, viele Kirchen sind immer offen! Besonders wenn ich in Taizé bin, ist es einfach großartig, in ein nahegelegenes Dorf, zum Beispiel nach Ameugny, zu wandern, und sich dort einfach in die Dorfkirche zu setzen. Einfach Gottes Gegenwart ganz bewusst genießen und zur Ruhe kommen.
    Hier in Deutschland ist das leider oft deutlich anders: Ab und zu sehe ich an einer Kirche eines dieser „Tritt ein“-Schilder, und darunter steht dann zum Beispiel „Juli und August, am Dienstag, Donnerstag und Sonnabend von 15:00 bis 17:00“. Das finde ich wirklich schade, und nicht wirklich einladend. Spiegelt das die gute Nachricht vom Vater wider, der seinen verlorenen Sohn Tag und Nacht erwartet?

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    • 16. Juni 2017 um 10:13
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      Dann muss ich wohl nach Frankreich 😀 Oder deren Konzept kopieren… das klingt auf jeden Fall stark nach dem, was ich versucht habe im Beitrag zu beschreiben 🙂

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  • 16. Juni 2017 um 0:00
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    Die Gemeinde in Jerusalem verkaufte alles was sie hatte, und als der Erlös aufgebraucht war, musste Paulus für sie in der ganzen Welt betteln.

    Josef baute in den sieben guten Jahren Scheunen, damit in den sieben schlechten Jahren die Mensdhen nicht verhungerten. Und er machte ein gutes Geschäft dabei für seinen Chef.

    Als die Gemeinden in Deutschland im Geld schwammen, bauten sie Gemeindehäuser und stellten PastorInnen ein und versprachen ihnen eine gute Pension. Aber sie rechneten nicht, wie viel sie dafür zurück legen mussten. Sie dachten, dass die Zinsen immer so hübsch hoch bleiben würden. Und sie rechneten nicht damit, dass einmal die Mitgliederzahlen dermaßen abnehmen würden, dass ein Kollaps droht, wenn die geburtenstarken Jahrgänge ins Pensionsalter kommen.

    Auch Kirchen können in den Konkurs gehen, wenn sie ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können und keinen finden, der ihnen Kredit gibt.

    Und ich würde auch gerne Porsche fahren, kann mir aber nur einen Skoda leisten.

    Kurz und gut: Wenn die Kirchen nicht nachhaltig handeln, müssen die nachfolgenden Generationen die Quittung bezahlen. Und wir sind gerade im Umbruch auf genau die Zeit dieser Quittung hin.

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