Warum sollte sich eine Gemeinde digitalisieren? Welche Vorteile hat das eigentlich? / Teil 2 zum Thema „Digitalisierte Gemeinde“. #digitalekirche #digitalegemeinde #digitalisiertegemeinde

Ich bin Pastor in einer ziemlich normalen „Ortsgemeinde“. Das heißt vor allem erstmal: wir haben ein festes Gemeindegebiet und alle Menschen, die in diesem Gebiet Mitglied in der evangelisch-lutherischen Kirche in Norddeutschland werden – die „gehören“ zu uns als Gemeinde. Aktuell leben in unserem Gemeindegebiet rund 10.000 Menschen und davon sind 2.500 Mitglied bei uns. Tatsächlich aktiv sind bei uns sehr viel weniger. Nur ein paar Zahlen als Beispiel: An einem normalen Sonntag kommen 20-50 Besucher in den Gottesdienst. Selbst über ganz Weihnachten hatten wir nur rund 600 Besucher. Der Großteil unserer Mitglieder ist entsprechend nicht oder nur selten „aktiv“.

Wenn ich über „digitalisierte Gemeinden“ schreibe, dann habe ich diese Art von Gemeinde und diese Art von Situation vor Augen. Ich glaube, dass das für die allermeisten Gemeinden in Deutschland gilt.

Und mein Wunsch, naja, meine Hoffnung ist, dass wir bei #digitalekirche diese Gemeinden in den Fokus nehmen. Ich hoffe sehr, dass wir Ortsgemeinden ganz selbstverständlich im Digitalen präsent und unterwegs sind – und deshalb gibt es ein paar Beiträge von mir zu diesem Thema:

Teil 1 „9 Merkmale einer digitalisierten Gemeinde„.
Teil 2 „5 Gründe für eine digitalisierte Gemeinde
Teil 3 „4 Grundsätze einer digitalisierten Gemeinde„.
Teil 4 „Die interne Digitalisierung von Gemeinden
Teil 5 „Checkliste für eine nachhaltige Digitalisierung von Kirche
Teil 6 „Wie kann ich Predigten als Podcast anbieten?

Heute geht es um die Frage, warum sollte sich eine Ortsgemeinde eigentlich digitalisieren? Welche Vorteile hat das? Daher kommen jetzt „5 Gründe für eine digitalisierte Gemeinde“:

1. Warum nicht?

Mal im Ernst: warum sollten wir im Digitalen nicht präsent sein? Wieso muss ich mich eigentlich „rechtfertigen“ und Gründe anführen, warum wir uns als Gemeinde im Digitalen genauso selbstverständlich bewegen sollen wie im „Analogen“?

Natürlich, man kann über die Art und Weise immer diskutieren. Über das „Wie“ wird mit Sicherheit auch nie Einigkeit herrschen – aber das „Was“? Müssen wir das ernsthaft begründen? Und wenn ja, warum?

Gibt es einen einzigen guten Grund, warum wir uns nicht prinzipiell digitalisieren sollten? Mir fällt keiner ein, der mich überzeugt. Wirklich nicht.

Ja, wir müssen im Digitalen das „Wie“ dann genauso besprechen wie im Analogen. Ich meine: verteilen wir den Gemeindebrief an alle Mitglieder oder an alle Haushalte? Schalten wir eine Anzeige im Wochenblatt? Wofür gibt es extra Flyer und Plakate? Wann ist das Gemeindebüro vor Ort erreichbar? Das sind alles Fragen, die geklärt werden müssen. Aber gibt es einen einzigen guten Grund, warum wir im „Analogen“ nicht präsent sein sollten und uns wie selbstverständlich dort bewegen?

Und sorry, aber es gibt auch keinen gegen die Digitalisierung. Alle Gründe, die angeführt werden, sind etwa extrem subjektiv, unglaublich kurzsichtig oder einfach nur von Unwissenheit geprägt.

Im Ernst: welchen Sinn und Grund sollte es haben, dass wir das Evangelium, unsere Botschaft, analog beschränken? Jesus hat ein Boot genutzt und ist raus auf den See, damit ihn mehr Leute hören können. Paulus hat viele Briefe geschrieben, dann wurden Bücher draus… das Christentum hat zum Glück schon immer versucht in die Weite zu gehen. Und es gibt keinen guten Grund damit aufzuhören.

Daher mein erster Grund für die Digitalisierung von Gemeinden: Es gibt keinen guten Grund sich davon abhalten zu lassen loszulegen. Und dann mit Eifer über das „Wie“ zu streiten.

2. Reichweiten-Erhöhung

Eine digitalisierte Gemeinde hat eine deutlich erhöhte Reichweite. Als Beispiel meine Gemeinde: Am Sonntag hören vor Ort 20-70 Leute meistens meine Predigt. Online werden meine Predigten 500-1.500 Mal meistens angehört.

Ja, ich vermute, dass davon relativ wenige in unserem Gemeindegebiet oder in der Region drumherum wohnen. Aber ich kenne genug hier aus der Gegend, die die Predigten auch anhören, um sagen zu können: eine Predigt online zum Nachhören erhöht auch im lokalen Digitalen die Reichweite.

Was für mich aber vor allem hinter diesem Punkt steht: Ich bin zwar großer Verfechter von Ortsgemeinden, aber zugleich davon, dass bitte jeder dahin gehen soll, wo er sich wohl fühlt. Wenn jemand in unserem Gemeindegebiet wohnt und mit mir als Pastor nichts anfangen kann – wie schade wäre es, wenn er deshalb Abstand von Kirche oder sogar Gott nimmt? Natürlich hoffe ich, dass vielleicht einer meiner Kollegen für ihn „ansprechender“ ist.

Und was hilft da? Natürlich eine erhöhte „Reichweite“. Ich finde: die Reichweiten unserer Gemeinden müssen endlich auch offiziell über Gemeindegrenzen hinaus gehen dürfen. Nicht, weil wir abwerben wollen. Sondern weil die meisten Menschen schon längst viel mobiler sind, als wir. Daher: eine digitalisierte Gemeinde erhöht ihre Reichweite auch in die Region hinaus und lässt zu, dass die Reichweiten anderer Gemeinden auch in das eigene Gemeindegebiet hineinreichen.

Ein weiterer Punkt bei der Reichweite ist – so vermute ich inzwischen – durchaus auch das Alter, das wir digital erreichen. Damit meine ich: wir erhöhen unsere Reichweite nicht nur dadurch, dass wir „Räume“ erweitern, in denen man von uns hören kann. Nein, wir öffnen uns auch Generationen, die vielleicht nie einen Gemeindebrief lesen würden. Aber auf Instagram das Kirchenbild liken.

Es ist nur ein Ausschnitt und mit Vorsicht zu genießen, weil nicht alle meine Podcast-Hörer auf Spotify sind. Dennoch: Meine Spotify-Hörer sind vornehmlich 20-30 Jahre alt. Am Sonntag um 10 Uhr muss ich diese Zahl mit 2 oder 3 multiplizieren.

3. Es ist unser Auftrag

Ihr kennt ja bestimmt die bekannten Sprüche von Jesus:

„Geht raus in die Welt, erzählt den Leuten, was ich euch gesagt habe und tauft sie dann – aber bleibt immer offline, denn das Digitale ist gefährlich.“

„Und siehe ich bin bei euch, alle Tage, bis an des Digitalen Anfangs“

Oder Paulus, der schrieb, dass wir das Digitale meiden sollten wie der HSV den Wiederaufstieg.

Das mag jetzt etwas theologisch sein, aber kommt schon all ihr Theologen da draußen: es ist einfach unser Auftrag den Weg ins Digitale zu suchen.

Diese Welt ist analog und digital. Wir bestellen nun mal unsere Pizza bei Lieferando. Sammeln Punkte bei Payback. In der Bahn zeige ich mein Ticket am Handy vor und an der Kasse zahle ich mit Karte oder Handy.

Gibt es eigentlich irgendeine Webseite da draußen, die einem keinen Newsletter andrehen will? Jeder f***ing Webseite da draußen ist im Digitalen missionarischer als wir Gemeinden!

Kennst du einen Youtube-Kanal, in dem es nicht heißt: folge mir hier, abonniere da? Jeder Youtuber da draußen wirbt um Follower. Und wir?

Wir digitalisieren Gemeinden, weil es unser Auftrag ist in die Welt zu gehen. Und ja, auch in die digitale Welt.

4. Digitales führt ins Analoge

Dieser Grund ist vielleicht der, der am meisten „klassische“ Pastoren und Gemeindemenschen überzeugen könnte. Denn: meine Erfahrung ist, dass das Digitale ins Analoge führt.

Dazu muss man sagen: für mich ist der Gottesdienst der ganz klare Mittelpunkt der Gemeinde. Alles was ich tue, ist für mich am Ende „Beibrot“. Wenn ich mich entscheiden müsste für eine einzige Sache, die wir als Kirche anbieten? Gottesdienst.

Zugleich halte ich echt kaum etwas von digitalen Gottesdiensten – also Gottesdiensten, die sich ausschließlich im Digitalen abspielen. Aber ich halte natürlich viel von digitalisieren Gottesdiensten (dazu aber in den kommenden Wochen mehr).

So wie ich alles im Prinzip mache, um am Ende mit möglichst vielen Menschen Gottesdienst zu feiern, so tue ich alles im Digitalen, weil ich das Leben im Analogen bereichen und erweitern möchte. Und ich stelle fast durchgängig fest: Am Ende lieben die Menschen das Analoge. Aber brauchen trotzdem häufig das Digitale.

Beispiele:

  • Ich habe mit vielen Leuten über Social Media Kontakt, die häufig irgendwann sowas schreiben wie „Ich würde gerne auch mal live vor Ort dabei sein. Leider bin ich zu weit weg“.
    Oder andere die schreiben, dass sie jetzt ein Wochenende in Hamburg sind und dann am Sonntag hoffentlich es schaffen vorbeizukommen.
  • Als ich auf nebenan.de unser Sommerfest eingetragen habe, ist erstmal nichts passiert. Dann habe ich rund 100 Leute dort eingeladen. Und rund 20 davon waren ein paar Tage später beim Sommerfest.
  • Ich mache einmal im Monat ein „Predigtbier“. In der Kneipe um die Ecke. Eine Stunde, ein Bier, ein Bibeltext. Bier geht auf uns und dann quatschen wir einfach darüber (und ich nutze das als Predigtvorbereitung).
    Die Leute, die dort kommen, kommen zu großen Teilen sonst nicht in die Gemeinde. Etliche kommen aus der Region und haben digital von der Veranstaltung Wind bekommen. Und sind jetzt „analog“ gekommen. Einige von ihnen brauchen auch die digitale Erinnerung. Also die schreiben mir dann per Facebook, wann eigentlich wieder Predigtbier ist. In beiden Fällen gilt: Hier führt das Digitale ins Analoge.

Manche haben ja Sorge, dass das Digitale irgendwie das Analoge einschränke oder beschränke. Meine Erfahrung ist gegenteilig.

Wer meine Predigten digital hört, kommt mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit auch mal so vorbei. Wo es digital schön ist, da könnte es ja auch analog schön sein.

Am Ende ist es doch wie mit einem Plakat (ganz analog): Wenn für ein Theater geworben wird und das Plakat sieht wie der letzte Dreck aus – gehst du dann hin? Eher nicht. Und unser digitaler Auftritt ist auch häufig sowas wie unser Vorgarten. Daher: lasst uns das Ding pflegen und dann werden manche auch durch den Vorgarten ins Haus kommen.

5. Höherer Aktivierungsgrad

Meine Erfahrung ist: es lassen sich mehr Menschen digital „aktivieren“, als analog. Ja, wir sehen das im Negativen an all den hetzerischen AfD-Kommentaren – aber dahinter steckt per se etwas Gutes.

Online trauen sich viele eher etwas zu sagen oder zu meinen, als offline. Und das können wir für uns als Kirche positiv nutzen.

Ich lasse meine Predigten online testen. Und bekomme sehr gute und ehrliche Rückmeldungen. Weil es anonym ist (bzw. bleiben kann).

Meine Überzeugung und bisherige Erfahrung ist: Mehr Interaktion ist immer mehr Bindung. Wer digital mit uns vernetzt ist, der kommt viel eher auch analog, ja der lässt sich auch viel eher ansprechen mitzumachen.  Digitale Wertschätzung lohnt sich und bewegt Menschen.

Und ich glaube, dass Angebote wie Newsletter auch einen hohen Aktivierungsgrad haben. Wenn ich am Anfang der Woche lese, worum es am Sonntag im Gottesdienst geht oder dass diese Woche offenes Singen ist – dann passt es vielleicht kurzfristig rein oder was auch immer – aber auf jeden Fall gibt es mit Sicherheit viele Menschen, die nicht extra googlen würden oder den Gemeindebrief rauskramen, ob diese Woche was in der Gemeinde ist, aber wenn es wie ein Plakat an der Straße im digitalen „am Wegesrand“ aufploppt, dann erhöht das mit Sicherheit die Chance auf „Aktivierung“. By the way: was war das für ein Satz? Haha… den lese ich lieber nicht Korrektur, den dürft ihr so behalten 🙂

 

Genug für heute! Das waren meine „5 Gründe für eine digitalisierte Gemeinde“. Jetzt kommt ihr und ich freue mich wie immer über Kommentare, übers Teilen, Folgen und so weiter. Weiter geht es in der Reihe übrigens mit den 4 Grundsätzen einer digitalisierten Gemeinde„.

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