Der Zusammenbruch der Kirche kommt!

Im zweiten Teil meiner Serie über die drei großen Krisen der Evangelischen Kirche in Deutschland geht es um Mitglieder und Geld. Um immer weniger Mitglieder und ein großes Finanzloch. Und darum, dass diese Kirche in der jetzigen Form schon bald zusammenbrechen wird.

Ein regelmäßiger Blick in die deutsche Medienlandschaft könnte Außenstehenden das Gefühl vermitteln, dass den Kirchen die Mitglieder regelrecht davonlaufen. Und wer Berichte aus der Kirche liest oder hört, wird davon überzeugt, dass die Kirche schon bald vor dem finanziellen Ruin steht.

In Teil 1 meiner Serie über die drei großen Krisen der Kirche habe ich die gesellschaftlichen Entwicklungen als Ursprung der Krisen der Kirche beschrieben. Das ist vermutlich auch relativ unstrittig: Die Kirche wurde und wird von den gesellschaftlichen Entwicklungen getroffen.

Doch wie gravierend stellt sich die Situation der Kirche tatsächlich dar? Wie haben sich die Kirchenmitgliedschaftszahlen entwickelt? Was hat es mit dem demografisch bedingten Mitgliederverlust auf sich? Wie steht es um die Gottesdienstbesuchszahlen? Und welche Auswirkungen hat das auf die Finanzen der Kirche? Die Ergebnisse aus meiner Abschlussarbeit zu diesen Fragen gibt es jetzt!

Kirchenmitgliedschaftszahlen

Erst seit dem 19. Jahrhundert kann im deutschsprachigen Raum aus der Kirche ausgetreten werden. Diese theoretische Möglichkeit veränderte für lange Zeit aber nichts am hohen Grad der Konfessionszugehörigkeit: So gehörten 1951 96% der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland einer christlichen Konfession an – 2012 waren es dagegen nur noch 59%. Ein Blick auf die Mitgliedschaftszahlen der EKD verdeutlicht die Dramatik der Entwicklung: 1951 waren knapp 50% der Bevölkerung evangelisch, 2012 waren es noch 29%.

Dies entspricht einem Rückgang um 43% in gut 60 Jahren.

Die letzten für meine Abschlussarbeit von der EKD veröffentlichten Zahlen sind Vergleichswerte von 2002 bis 2012. Demnach hatte die EKD 2002 26,2 Millionen Mitglieder, was rund 32% der Bevölkerung entsprach. 2012 waren es noch 23,4 Millionen bzw. 29% der Bevölkerung. Ein Mitgliederverlust von fast 11% in 10 Jahren. Im gleichen Zeitraum konnte die orthodoxe Kirche übrigens um 13% wachsen, die katholische Kirche büßte 8% ihrer Mitglieder ein. Freikirchen verharren in ihrem Nischendasein mit gerade einmal 330.000 Mitgliedern.

Das Christentum ist in der absoluten Minderheit

Mit Blick auf die einzelnen Landeskirchen innerhalb der EKD sind keine auffälligen Unterschiede im Mitgliederverlust zu erkennen, alle verlieren mehr oder weniger im gleichen prozentualen Rahmen. Allerdings zeigen sich erhebliche Unterschiede in der bestehenden Konfessionszugehörigkeit: So sind im Saarland immer noch 82% der Bevölkerung einer christlichen Kirche zugehörig, in Sachsen-Anhalt nur 17%. Auch alle anderen neuen Bundesländer liegen deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt von 59%. Für sie muss nüchtern festgehalten werden: Das Christentum ist hier in der absoluten Minderheit. Im Westen liegen die Werte höher, aber auch dort verändert sich die Situation merklich; so gehören z. B. in Hamburg noch etwa 40% einer christlichen Konfession an.

Interessant ist, welche weiteren Daten die EKD für den Zeitraum von 2002 bis 2012 angibt. So wurden rund 10% aller Gemeinden geschlossen bzw. fusioniert, wodurch die Quote an Mitgliedern pro Gemeinde konstant bei etwa 1600 gehalten werden konnte. Bedenklich erscheinen vor allem die folgenden Entwicklungen: Die Anzahl der Taufen ist um 21% zurückgegangen, Konfirmationen um 17%, Trauungen um 18%, Bestattungen um 12%. Für sie alle ist ein – zum Mitgliederverlust von 11% – überproportionaler Rückgang festzustellen. Insbesondere die Entwicklungen bei den Taufen sollte alarmieren: 1960 wurde noch knapp jedes zweite Kind getauft, heute ist es nur noch jedes Fünfte.

Demografisch bedingter Mitgliederverlust

Die Kirchenmitgliedszahlen sind also seit den 1950er Jahren massiv gesunken und sinken weiterhin – aktuell um rund 1% pro Jahr. Wie kommt dieser Verlust zustande?

In den letzten Jahren haben sich die jährlichen Kirchenaustrittszahlen in der evangelischen Kirche bei rund 150.000 eingependelt. Mit Blick auf die Geschichte Deutschlands ist zu erkennen, dass Höchstwerte bei den Austrittszahlen immer mit politischen oder gesellschaftlichen Ereignissen verbunden waren, so z. B. die DDR als solche (dort traten 70% der evangelischen Kirchenmitglieder aus), die Wiedervereinigung (Gründe waren hier für Ostdeutsche die Einführung der Kirchensteuer und zusätzlich für alle die Einführung des Solidaritätszuschlags).

Zu den ca. 150.000 Austritten kommen rund 350.000 Sterbefälle pro Jahr. Diesem Mitgliederverlust stehen inzwischen jährlich etwa 60.000 Eintritte entgegen. Sie setzen sich zusammen aus Wiederaufnahmen (40%), Übertritten aus anderen Kirchen (20%), sowie Erwachsenentaufen (40%), wozu auch Taufen im Rahmen der Konfirmation zählen. Zusätzlich hat die EKD jedes Jahr „Zuwachs“ durch rund 190.000 Kindertaufen.

Jedes Jahr verliert die EKD 150 Gemeinden

Zusammengefasst ergibt sich, dass der EKD aktuell ein jährlicher Verlust von ungefähr 250.000 Mitgliedern entsteht. Durch die Differenz an Ein- und Austritten verliert sie ca. 90.000, durch die Asymmetrie von Geburten/Kindertaufen und Sterbefällen ca. 160.000 Mitglieder. Umgerechnet auf die durchschnittliche Gemeindegröße von 1600 Gliedern verliert die EKD jährlich ungefähr 150 Kirchengemeinden.

Entgegen der häufig öffentlich wahrzunehmenden Meinung trägt daran den mit Abstand größten Anteil nicht der Kirchenaustritt, sondern die demografische Entwicklung: Das muss quasi zum Schutz der Kirche auch mal gesagt werden. Die evangelische Kirche würde auch ohne Austritte schrumpfen. Und zwar durch die Asymmetrie von Geburten und Sterbefällen. Zusätzlich wirken sich die demografischen Folgen der vergangenen Kirchenaustritte deutlich stärker aus als die aktuellen, da Ausgetretene ihre Kinder deutlich seltener taufen lassen.

Gottesdienstbesuchszahlen

2002 gab es an einem gewöhnlichen Sonntag 26.587 Gottesdienste mit durchschnittlich insgesamt 1.014.026 Teilnehmenden. Das waren 3,9% der Kirchenmitglieder und rund 38 Teilnehmende pro Gottesdienst. 2012 nahmen an 21.474 Gottesdiensten noch 827.169 Menschen teil. Das entsprach 3,5% der Kirchenmitglieder, aber weiterhin durchschnittlich 38 Teilnehmenden pro Gottesdienst. Die Gottesdienste sind also durchschnittlich nicht schlechter besucht – es gibt allerdings weniger Gottesdienste und insgesamt fast 19% weniger Gottesdienstteilnehmende je gewöhnlichem Sonntag.

Auch Abendmahl feierten 2012 durchschnittlich 12% weniger Teilnehmende als noch 2002. An Feiertagen sieht es ähnlich aus: Karfreitags 15% weniger, Erntedankfest -17%, 1. Advent -21% – allein der Gottesdienstbesuch an Heiligabend blieb konstant. Statt 32% waren sogar fast 36% der Kirchenmitglieder anwesend.

Die Teilnahme an ständigen Kreisen in Kirchengemeinden ist relativ stabil geblieben: 2002 kamen rund 1,7 Millionen, 2012 rund 1,6 Millionen Erwachsene regelmäßig zusammen. Die Anzahl an Pastorinnen und Pastoren im aktiven Dienst ist um etwa 20% und die Anzahl an Kirchen und Gottesdienststätten um ca. 9% gesunken.

Kirchenfinanzen

Die EKD gibt für 2013 an, mitsamt ihren Gliedkirchen Gesamteinnahmen von rund 10 Milliarden Euro verbucht zu haben. Sie setzen sich vor allem zusammen aus Kirchensteuer und Gemeindebeitrag (51%), Fördermitteln und Zuschüssen von Dritten (19%), Entgelten für kirchliche Dienstleistungen (12%). Die in den Medien häufig thematisierten Staatsleistungen machen dagegen nicht einmal 3% aus. Es ist offensichtlich, dass die EKD existentiell auf die Kirchensteuer angewiesen ist.

Grundsätzlich beträgt die Kirchensteuer 8-9% der Einkommenssteuer. Kirchensteuer zahlt also nur, wer Einkommenssteuer zahlt. Daraus folgt: Wenn der Staat die Einkommenssteuer senkt bzw. nicht sie, sondern die indirekten Steuern erhöht, wirken sich diese steuerpolitischen Entscheidungen letztlich auf den Haushalt der EKD aus. Vor allem ist aber auf eine starke Abhängigkeit der Kirchensteuereinnahmen von der wirtschaftlichen Lage in Deutschland hinzuweisen: Eine starke Wirtschaft und ein steigendes Wirtschaftswachstum führen auch zu hohen Kirchensteuereinnahmen.

Die Kirchensteuereinnahme sprudeln

So erklärt sich, dass die EKD für 2014 zum allerersten Mal Kirchensteuereinnahmen von über 5 Milliarden Euro verkünden konnte. Insgesamt gilt: Die Kirchensteuereinnahmen haben sich durchaus positiv entwickelt. Vor allem in den letzten Jahren stiegen die Einnahmen stetig an. Bis heute ist kein Abbruch in den Kirchensteuereinnahmen erkennbar. Ganz im Gegenteil: Seit 2010 sind die Einnahmen um 17% gestiegen, seit 2005 sogar um 43%. Gleichzeitig ist aber auch der Anteil der Kirchensteuern am Haushalt der EKD von 2011 noch 40% auf heute etwa 50% gestiegen.

Es ist auch wichtig zu betonen, dass die tatsächliche Leistungsfähigkeit der jeweiligen Kirchensteuereinnahmen schwer einzuschätzen ist. Zum einen sind die Kirchensteuereinnahmen inflationsbereinigt trotz der guten wirtschaftlichen Entwicklung nicht unbedingt gestiegen, zum anderen hat die Kirche mit steigenden Ausgaben zu kämpfen.

Das Finanzloch kommt

Die EKD selbst gibt an, dass die finanziellen Auswirkungen des Mitgliederrückgangs von der günstigen wirtschaftlichen Entwicklung zurzeit kompensiert würden. Allerdings ist mittelfristig davon auszugehen, dass zutrifft: Je weniger Mitglieder, desto weniger Einnahmen. Zusätzlich greift das demografische Problem an dieser Stelle erneut. Der Anteil der Rentnerinnen und Rentner an den Kirchenmitgliedern nimmt von Jahr zu Jahr zu – und sie zahlen nur in den seltensten Fällen Einkommensteuer, also Kirchensteuer. Somit wirkt sich nicht nur aus, dass es weniger Kirchenmitglieder gibt, sondern auch, dass sie immer älter werden.

Zusätzlich wird davon ausgegangen, dass ab 2018 die sog. „geburtenstarken Jahrgänge“ vermehrt in Rente gehen – sie machen aktuell jedoch den Großteil der Kirchensteuerzahlenden aus und die nachfolgenden Generationen sind deutlich weniger kirchenverbunden. Daher ist mit einem erheblichen Einbruch bei den Kirchensteuereinnahmen zu rechnen.

Zusammenfassung: Was eine Talfahrt!

Ich wollte dir in diesem (wieder sehr, sehr langen) Beitrag beschreiben, wie es um die Kirche nun steht. Ich versuche es nochmal zusammenzufassen: Noch in den 1950er Jahren war die deutsche Bevölkerung fast ausnahmslos einer christlichen Konfession zugehörig – heute sind die Konfessionslosen die stärkste „Fraktion“ mit 33% Anteil an der Gesamtbevölkerung (katholisch 30%, evangelisch 29%, muslimisch 5%, orthodox 1,5%).

Die Kirche hat in Deutschland eine deutliche Talfahrt hingelegt – zumindest, was ihre Mitgliedszahlen angeht: So hat die evangelische Kirche in den letzten 60 Jahren fast 43% ihrer Mitglieder verloren. Aktuell beträgt der jährliche Verlust etwa 250.000 (~1%), bei noch rund 23,4 Millionen Mitgliedern. Zusätzlich verliert die evangelische Kirche stetig Gottesdienstteilnehmende (-19% in den letzten zehn Jahren), Kirchengebäude/Gottesdienststätten (-9%) sowie Pastorinnen und Pastoren (-20%).

Noch stimmen die Finanzen…

Der Verlust an Mitgliedern macht sich bislang weniger stark in den Kirchenfinanzen bemerkbar, als es zu erwarten wäre. Dank einer guten wirtschaftlichen Lage konnten die Kirchensteuereinnahmen sogar steigen. Doch die gesamten Kircheneinnahmen setzen sich zu rund 50% aus Einnahmen über die Kirchensteuer zusammen und diese werden in absehbarer Zeit erheblich sinken. Grund dafür ist neben den Austritten vor allem der demografische Wandel. Dieser zeigt sich in Form von weniger Geburten/Taufen, nicht-christlicher Zuwanderung, einer bevorstehenden Berentung der stärksten kirchlichen Klientel (den geburtenstarken Jahrgängen) und einer allgemeinen Überalterung nicht nur der Gesellschaft, sondern insbesondere der Kirchenmitglieder.

Da die Kirchensteuer aber an die Einkommenssteuer gekoppelt ist, zahlen immer mehr Kirchenmitglieder wegen Verrentung keine Kirchensteuer. Thies Gundlach (gar nicht mal soo unwichtig in der EKD) hat gesagt:

„Bei einer kontinuierlichen Fortsetzung der heute erkennbaren Trends muss man von der Annahme ausgehen, dass die evangelischen Kirchen in Deutschland bis zum Jahre 2030 die Hälfte ihrer Finanzkraft und ein Drittel aller Mitglieder verloren haben werden“.

Aber diese Kirche wird so nicht mehr lange bestehen!

Warum sage ich nun, dass diese Kirche nicht mehr lange bestehen wird? Weil die Kirche, das System, was noch immer am Leben gehalten wird, nicht mehr lange finanzierbar sein wird. Kirche lebt auch hier wieder in einer Scheinwelt. Wir haben etliche Mitglieder verloren, aber die wahre finanzielle Dimension dieser Entwicklung ist uns anscheinend noch nicht ausreichend bewusst geworden.

Wir rasen mit beständiger Geschwindigkeit auf ein großes Finanzloch zu. Wie ein schwarzes Loch scheint es uns anzuziehen. Und wenn nicht wir nicht bald etwas tun, dann werden wir mit aller Kraft in dieses Loch hineinplumpsen. Noch haben wir Geld. Noch haben wir Möglichkeiten. Und Kirche könnte sich durchaus auf diese Krise einstellen. Könnte.

Wie das aussehen kann? Ich bin ja nun ganz sicher nicht Herr oder Frau Weisheit in Person. Trotzdem habe ich eine Idee. Diese Idee heißt einfachkirche. Und sie fußt auch auf den Ergebnissen der sog. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen und den sog. Milieustudien. Um die geht es dann in Teil 3 meiner Serie über die drei großen Krisen der Kirche!

 

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