Wenn der Apfelbaum uns lehrt… oder: von der Schwierigkeit, neue christliche Lieder zu schreiben

Es gibt in der Nordkirche ein an sich wirklich tolles Projekt: monatslied.de. Jeden Monat wird ein neues Lied vom Fachbereich Popularmusik der Nordkirche veröffentlicht. Also: frische und moderne Lieder für die Gemeinden vor Ort. Allein: an den Liedern zeigt sich, wie schwer es ist, neue christliche Lieder zu schreiben.

Neulich saß ich im Gottesdienst und mir wurde ein neues Lied angekündigt. Eines von diesen Monatsliedern. Toll, dachte ich mir. Wer mich kennt, weiß ja, dass ich für Neues in unserer Kirche bin. Ich hatte mich mit dem Projekt monatslied.de noch nicht weiter beschäftigt. Aber schon mehrfach davon gehört und die Idee fand und finde ich toll!

Was ist das für eine Idee? Die Nordkirche hat einen sog. Fachbereich für Popularmusik und der erstellt jeden Monat ein Lied für die Gemeindearbeit. Es gibt die Noten zum Download (für Band, Orgel, Posaune und Chor soweit ich es sehe konnte) und auch Liedaufnahmen zum „Reinhören“. Und ein professionelles Musikvideo gibt es auch noch dazu. Also: Das ist ein wirklich rundes Paket, um neues Liedgut in die Gemeinden zu bringen.

So saß ich also da und freute mich auf das Lied. Und nach wenigen Sätzen stellte ich das Mitsingen ein. Und nahm mir vor, das Projekt mit seinen Liedern mir etwas genauer anzuschauen. Was war passiert? Tja. Der Apfelbaum wollte mich belehren. Und die Theologie der Liedtexte ließ mich mit großen Zweifeln zurück.

Der Apfelbaum und das Ernten

„Ich glaube, wenn wir teilen, reicht´s für alle. Das ist es, was der Apfelbaum mich lehrt“. Da wurde ich doch stutzig. Der Apfelbaum lehrt mich was? Aber dann ging es noch weiter und die letzte Zeile des Refrains heißt: „Wir ernten, was wir säen“. Wir ernten was wir säen? Also uns ergeht es so, wie wir eben handeln? Man bekommt, was man verdient? Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich etwas verpasst habe – aber ist unsere christliche Botschaft nicht gerade andersherum? Nun gut, es gibt ja jeden Monat ein anderes Lied. Dachte ich mir. Dann schaue ich mir die mal genauer an.

Übrigens, habe ich auch erst spät festgestellt: Es gibt unterschiedliche Textvarianten. Der Apfelbaum fehlt z.B. in dem Musikvideo. Und in der Textdatei. Ist dann aber in den Noten für die Gemeinde drin. Nur, falls du den Baum suchst und einfach nicht findest 😉

Dezember: Jesus, der Friedensbringer

„In dieser einen Nacht da wird es hell im Stall,
da leuchtet ein Kind zusammen mit den Sternen hinaus ins All.
In dieser einen Nacht können wir Wunder sehn,
da leuchtet ein Kind zusammen mit den Sternen um Frieden in die Welt zu bring´n.“

Nur mal so nebenbei gefragt: Ist das wirklich der Sinn von Jesus an Weihnachten gewesen? Frieden für die Welt? Ich weiß nicht, aber ich finde, da müssten wir theologisch wirklich nochmal drüber sprechen!

Januar: Lasst uns Schwestern werden

„Ein neues Jahr beginnt, doch unsre Zeit verrinnt. Und es ist Zeit, dass wir einander Schwestern sind.“

Das ist ein Appell an uns. An mich. Ich frage mich das erste Mal: Ist das für den Gottesdienst geeignet?

Februar: Alles wird klar!

Das Lied ist in den Strophen an Gott gerichtet. Das ist doch schon mal was. Da werde ich doch gleich glücklicher.

„Alles wird klar, nichts mehr verklärt. Alles wird wahr, nichts bleibt verkehrt. Alles wird sein, alles gewesen, alles wird rein und wird genesen.“

Aber… auch nach mehrmaligen Lesen: Alles wird klar? Mir wird der Sinn des Liedes leider nicht so ganz klar. Mir ist nicht so ganz klar… was ist hier die Aussage? Und ich frage mich: Muss neues Liedgut eher schwammig bleiben? Also gehört das zum Konzept?

März: Ich. Ich. Ich. Ich.

Ich. Ich. Ich. Ich. Ich.

Das ist ungefähr der Inhalt des Liedes. Oder auch mit dem Refrain: „Was ich werde ist wichtig. Was ich werde ist wichtig. Was ich werde ist wichtig. Werde Liebe, einfach Liebe.“

Ähm, nein würde ich da einfach sagen. Es ist nicht wichtig, was ich werde.

„Ich bin ich, das ist gut, das ist gut.“

Irgendwie bin ich mir nicht ganz sicher, wohin das theologisch führen wird…

April: Ostern, oder?

„Ewig und drei Tage ist es her, dass ich dich sah. Ewig und drei Tage habe ich nach dir gefragt. Ewig und drei Tage kam die Welt nicht mehr vom Fleck. Drei Tage warst du weg. Aber jetzt bist du da.“

Bildliche Sprache. Starke bildliche Sprache. Hier finde ich auch wieder einen klaren christlichen Bezug. Allein: Mir ist mal wieder nicht so ganz klar, worum es hier geht. Also ja, Ostern. Irgendwie. Oder so.

Mai: Alles gelingt, alles wird leicht!

„Trau der Welt mal einen Lauf zu, lass die Träume raus ans Licht. Fühl die Glut in deinem Herzen, glaub dem Geist, der dir verspricht. Trau der Welt mal einen Lauf zu, lass die Träume raus ans Licht. Alles gelingt, alles wird leicht.“

Alles gelingt, alles wird leicht. Ich erinnere mich an den Februar: Alles wird klar, nichts mehr verklärt. Alles wird wahr, nichts bleibt verkehrt. Alles wird sein, alles gewesen, alles wird rein und wird genesen. Zeit, für eine kurze Pause.

Halbjahres-Fazit

Also, was ich bisher mitgenommen habe, nach einem halben Jahr mit dem Monatslied:

An Weihnachten kommt ein Kind, um Frieden zu bringen. Unsere Zeit verrinnt und es wird Zeit, dass wir einander Schwestern sind. Dann kommt ganz viel alles. Alles wird klar, alles wird wahr, alles wird rein, alles wird genesen. Aber was ist das alles überhaupt? Und durch wen wird das alles passieren? Gott und Jesus sind explizit definitiv kein Thema. Implizit suche ich sie noch. Achja, alles gelingt und alles wird leicht. Das hatte ich fast vergessen. Irgendwie schön, hatte ich bislang in der Bibel noch gar nicht so direkt gelesen, dass alles gelingt und alles leicht wird. Aber gut, muss ich wohl nochmal genauer lesen.

Ich muss das vor allem lesen. Denn das Ich ist ja das Wichtigste. Zumindest im März. Was ich werde ist wichtig. Der Rest ist egal.

Juni: Erste Selbstzweifel

Es wird Juni. „Im Namen des Anfangs, im Namen der Liebe, im Namen des Geistes, so sind wir gezeichnet, sind würdig im Licht, das sich in Wassertropfen bricht.“

Ich frage mich inzwischen, ob ich einfach nicht klug genug für die bildliche Sprache bin. Oder zu sehr Theologe. Das klingt ja alles irgendwie gut und richtig. Aber es ist eben auch austauschbar. Die Sprache bleibt in einer gewissen Unklarheit. Das ist vermutlich Absicht. Aber es zeigt finde ich auch, wie schwierig es ist, neue christliche Lieder zu schreiben.

Und ich frage mich: Es ist ja das eine neue christliche Lieder zu schreiben. Aber welchen Zweck haben diese Monatslieder letztlich? Ist es für den Gottesdienst? Wohl kaum. Also aus meiner Sicht, sind sie dafür schlicht nicht brauchbar. Außer man versteht den Gottesdienst mitsamt seinen Liedern nicht als Anbetung. Oder Lobpreis. Sondern als… ja, ich weiß auch nicht so genau.

Und für die Gemeindearbeit? Die Lieder drücken alle eine Art von Lebensgefühl aus. Und ich will ja auch gar nicht sagen, dass sie schlecht sind! Ich frage mich nur, wofür sie geeignet sind. Zumindest beim Gottesdienst bin ich einfach sehr skeptisch.

Juli: Ich mag dich!

Zack, sind wir im Juli. Der gefällt mir. Oder wollte ich nur einfach auch mal was Positives schreiben? Was mir gefällt? Gott wird angesprochen. Nicht explizit, aber das ist das erste Lied, was ich mir auch im Gottesdienst vorstellen könnte.

„Schiffe brauchen Häfen, eines Tages komm ́n sie an.
Ich brauch deinen Himmel, wo ich drunter schlüpfen kann.
In mein Herz schreibst du mir dieses Lied.

Ich mag dich so, wie du bist.
Ich seh dich so, wie du bist.
Ich nehm dich so, wie du bist.
Ich lass dich so, wie du bist,
ich brauch dich so, wie du bist.
Ich will dich so, wie du bist,
ganz genau so wie du bist.“

August: Halleluja!

Ähnlich geht es im August weiter. Vielleicht, so denke ich mir, hat ja auch das Projekt nur ein wenig Zeit gebraucht.

„Das ist mein Halleluja, mein Sommer-Halleluja, mein Sommer-Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Das Lied kommt über die Stimmung. Aber die trifft mich. Und mit Halleluja… gut, das ist etwas codiert. Aber hey, hier geht es um Gott!

September: Ähm, hallo Gott…?

Leider… geht es im September dann wieder irgendwie um vieles, aber Gott suche ich vergeblich.

„Komm, wir sammeln die Farben ein. Das Leben hält die ganze Palette bereit. Wir streichen die Einsamkeit in gelb, rot, blau, grün, weiß.“

„Und es geht immer weiter. Nach dem Winter kommt der Frühling, nach dem Sommer der Herbst. Wir steigen auf die Himmelsleiter, genießen den Ausblick: wolkig bis heiter.“

Wolkig bis heiter… ich frage mich wieder: Was ist das für ein Lied? Ich meine das nicht so abwertend, wie es klingen könnte. Sondern: Ist das jetzt ein nettes Lied? Ja, vielleicht sogar ein richtig gutes Lied? Aber… wieso ist das ein Monatslied der Nordkirche? Sollen wir das wirklich im Gottesdienst singen? Soll ich das mit meinen Konfis singen? Und wenn ja, wieso?

Oktober: Der Kreis schließt sich

Und zack, sind wir schon wieder beim Apfelbaum.

„Das Leben ist ein Geschenk. Ich kann es riechen, greifen, schmecken. Mein Herz schwappt über vor Glück, kannst Du die Dankbarkeit in meinen Augen sehn? Wir ernten, was wir säen.“

Wir ernten was wir säen. Was soll ich denn dazu noch sagen? Ich bin weiterhin ratlos.

Monatslied, was bist du?

Versteh mich nicht falsch. Ich möchte nicht das Projekt kritisieren. Ich finde die Idee wirklich richtig gut. Ich finde es toll, was für Material den Gemeinden zur Verfügung gestellt wird! Das Projekt entspricht letztlich genau „meinem Anliegen“. Und deshalb möchte ich das hier nicht als „Schlecht-reden“ verstanden wissen.

Aber ich möchte kritisch die Texte der meisten Lieder hinterfragen. Ich weiß nicht, wie die Texte entstehen. Ob es da eine Jury gibt, oder eine Auswahlkommission. Ich weiß nicht, ob an den Texten theologisch gearbeitet wird. Ich weiß auch nicht, was die wirklichen Ziele des Projektes sind, denn die Webseite ist da relativ sparsam mit Informationen. Von daher: vielleicht geht meine Kritik am Projekt völlig vorbei. Weil ich andere Maßstäbe anlege, bzw. ggf. sogar die falschen.

Ich finde – und du darfst mich da ja gerne korrigieren: für den Gottesdienst finde ich die meisten Texte wirklich schwierig bis ungeeignet. Gut, als Vortragslied geht alles. Aber ich meine als Gemeindegesang, und zwar aus textlichen Gründen. Und auch für weitere Gemeindearbeit, wie z.B. Konfi-Arbeit… also dann kann ich auch viele andere Lieder aus der Popmusik singen. Die ggf. so zu interpretieren wären, dass sie etwas mit Gott zu tun haben. Könnten. Aber nicht müssen.

Von der Schwierigkeit neue christliche Lieder zu schreiben

Insgesamt wird mir klar, wie schwierig es einfach ist, neue christliche Lieder zu schreiben. Sie sollen nicht zu „christlich“ sein. Sie sollen modern sein. Die Sprache frisch und nicht so kirchlich. Aber mir scheint der Rücken des Pferdes, das man da versucht zu reiten, sehr schmal.

So, nun darfst du aber deinen Senf dazu geben. Zu den Monatsliedern. Aber natürlich auch zu meiner Kritik. Aber nur, dass das klar ist: Ich finde das Projekt toll. Ich hoffe, dass es das auch über 2019 hinaus gibt. Ich würde nur gerne über die Texte ins Gespräch kommen wollen.

Ein wichtiger Nachtrag…

… kommt jetzt: Ich habe diesen Artikel vor längerer Zeit geschrieben. Und dann habe ich ihn Jan Simowitsch geschickt, dem Leiter des Fachbereichs Popularmusik in der Nordkirche. Weil ich nicht einfach nur meckern möchte. Sondern an ehrlichem Austausch interessiert bin. Jan und ich hatten ein – wie ich finde – sehr gutes Telefonat über diesen hier vorliegenden Artikel. Und über das Projekt an sich, die Texte – und vor allem darüber, dass die zweite Runde vom „Monatslied“ in den Startlöchern steht. Das wusste ich tatsächlich nicht! Seit heute habe ich die neue CD, das neue Textbuch – und höre/lese mich durch die neuen Lieder. 

Warum ich dir das schreibe? Und wieso ich diesen „veralteten“ Artikel nun doch veröffentliche? Ich möchte, dass du weißt, „von wo“ ich komme. Bevor du den nächsten Artikel über die neuen Monatslieder liest. Ich war sehr skeptisch bzgl. der Texte in der ersten Runde. Zugleich finde ich das Projekt an sich toll. Dieser Artikel ist meine Kritik an der ersten Auflage. Ich mache sie öffentlich, obwohl sie überholt ist, damit mein nächster Artikel richtig verstanden und eingeordnet werden kann. 

Und jetzt geht es für mich an die neuen Lieder. Ich bin gespannt!

 

 

Ein Gedanke zu „Wenn der Apfelbaum uns lehrt… oder: von der Schwierigkeit, neue christliche Lieder zu schreiben

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