Mit der Kirche ist es wie mit den Fitness-Studios

An Weihnachten ist die Kirche voll. Das ist toll! Aber: Mit der Kirche ist es wie mit den Fitness-Studios. Beide funktionieren nur, wenn die meisten Mitglieder nicht oder nur sehr selten kommen. 

Ja, ich gehe seit kurzem wieder ins Fitness-Studio. Aktuell gehen meine Freundin und ich sogar alle zwei Tage. Mein Körper ist immer noch irritiert, aber da muss er jetzt aktuell mal durch. Und während ich da so vor kurzem saß und ein Display vor meiner Nase mir den Rhythmus und das zu stemmende Gewicht vorgegeben hat, da fiel vor auf: Mit der Kirche ist es wie mit den Fitness-Studios. Zumindest was die Aktivität der Mitglieder angeht.

Die meisten Fitness-Studios arbeiten mit Verträgen die ein oder zwei Jahre laufen. Und die Monatsbeiträge sind verhältnismäßig gering. Das rechnet sich in den meisten Fällen nur, wenn auch nur eine bestimmte Anzahl an Mitgliedern des Studios regelmäßig da ist. Angenommen, es wären jeden Tag alle Mitglieder in unserem Fitness-Studio – es wäre wohl viel zu voll. Es gäbe nicht genug Geräte, nicht genug Platz in der Sauna. Und miefen würde es mit Sicherheit auch so richtig schön.

Also: Das Fitness-Studio müsste entweder viel größer bauen oder mehr Geld pro Person nehmen, wenn sie davon ausgehen müssten, dass die Mitglieder alle dauernd da wären. Die besten Mitglieder sind letztlich die, die fleißig zahlen, aber möglichst nie da sind. Und mit der Kirche ist das auf eine Art ziemlich ähnlich.

Selbst an Heiligabend ist es nicht „voll“

Ja, es ist toll, dass Weihnachten der Laden voll ist. Wusstest du, dass an Heiligabend rund 8 Millionen Menschen einen evangelischen Gottesdienst besuchen – aber wir etwa dreimal so viel Mitglieder haben? Sprich: Selbst an Heiligabend sind nur etwa ein Drittel unserer Mitglieder da. Und die Kirchen sind in den meisten Fällen wirklich voll. Viel mehr Gottesdienste bekommt man meistens auch nicht an dem einen Tag organisiert. Das soll heißen: Wenn alle unsere Mitglieder an Heiligabend kämen – das würde einfach nicht funktionieren.

Ähnliches gilt aber auch für den Rest des Jahres: Ich kenne echt nur wenige Pastoren, die sich einen faulen Lenz machen können. Die meisten sind schon sehr gut beschäftigt. Und das, obwohl ja außerhalb von Weihnachten noch viel, viel, viel weniger Mitglieder als das eine Drittel an Heiligabend präsent ist. Eine „Leistung“ abfordert oder Ähnliches. Nehmen wir nur mal Beerdigungen, Taufen und Trauungen. Es wäre überhaupt nicht von mir als Pastor leistbar, wenn wirklich alle Mitglieder diese „Dienstleistung“ abrufen würden.

Oder stell dir vor, es würden mehr als nur ein paar Mitglieder um ein persönliches Gespräch mit dem Pastor bitten. Oder ganz krude Vorstellung: Was wäre, wenn jeden Sonntag ungefähr das Drittel der Mitglieder käme, um einen Gottesdienst zu besuchen? Dann müssten wir jeden Sonntag mehrere Gottesdienste halten? Klar, das wäre schön. Aber wäre das wirklich machbar?

Größte Gefahr: Dauerhafte weihnachtliche Zustände

So paradox es klingen mag: Aber unsere Kirche ist weder darauf vorbereitet noch darauf ausgerichtet, dass man uns die Bude regelmäßig und dauerhaft einrennt. So wie es mein Fitness-Studio eben auch nicht ist. Der Unterschied ist nun aber eben: Das Fitness-Studio will am Ende des Tages einfach nur Geld verdienen. Es ist weder schlimm noch verwerflich, dass das Studio eine Art „Mischkalkulation“ macht. Es ist aus meiner Sicht völlig in Ordnung, dass das Angebot an Geräten und die Preise des Studios sich danach richten, dass eben manche mehrmals pro Woche kommen (Streber wie wir) und andere ein paar mal pro Monat nur kommen und manche vielleicht auch einfach gar nicht mehr (ich denke, das trifft auf uns auch demnächst zu ;-)).

Aber wir als Kirche? Ist es hinnehmbar, dass auch wir auf einer finanziellen Ebene nur funktionieren, weil ein Großteil unserer Mitglieder nicht kommt? Bzw. keine „Leistungen“ in Anspruch nimmt? Oder anders gefragt: Ist es hinnehmbar, dass wir gar nicht darauf vorbereitet sind, falls unsere Mitglieder plötzlich auf die Idee kämen unsere Kirchen wie an Heiligabend zu besuchen?

Ich bin da ja skeptisch. Und was ist deine Meinung? Und noch viel wichtiger: Wie können wir als Kirche dieses Problem angehen? Brauchen wir mehr Pastoren? Mehr Kirchen? Ich meine: Wir sind ja gar nicht auf Wachstum oder einen Ansturm vorbereitet – oder nicht?

2 Gedanken zu „Mit der Kirche ist es wie mit den Fitness-Studios

  1. Man würde schon Lösungen finden. Ich lebe gerade in Indonesien und hier sind die (katholischen) Kirchen an normalen Sonntagen (6 Gottesdienste, Samstagabend 2 Gottesdienste) komplett voll. An Weihnachten kommen aber noch viel mehr Leute und dann werden neben der Kirche auf dem Parkplatz bis hin zum Gehweg riesige Zelte ausgestellt, wo der Gottesdienst auf eine Leinwand projeziert wird. Und selbst da passen nicht alle Leute drunter. Ich wollte erst nicht meinen Augen trauen, aber wenn DAS hier, als absolute religiöse Minderheit (3%) unter schwierigen Bedingungen (bspw. was die Genehmigung für den Bau neuer Kirchen angeht) und ohne Fitnessstudio-Abo-like Kirchensteuer funktioniert, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass es in Deutschland daran scheitern sollte, egal ob nun in der evangelischen oder katholischen Kirche. Wenn der Glaube lebt, dann finden sich Mittel und Wege.

  2. Ich habe glaubwürdige Berichte gelesen, wie meine alte Gemeinde in der ev. Kirche von Westfalen mit solchen Anstürmen zurechtgekommen ist, zu Zeiten der Erweckungsbewegung. Die Kirchenbänke wurden doppelt belegt, eine Reihe saß, eine Reihe stand und nach einigen Minuten oder wo es in die Liturgie passte, wurde gewechselt.

    Wenn also solche Situationen auftreten, was ich heute für äußerst unwahrscheinlich halte, wird man Mittel und Wege finden, wie damals auch.

    Bis dahin profitieren vorerst die aktiven Mitglieder davon, dass es so viele passive gibt und sie selbst relativ weniger Kirchensteuern für die kirchlichen Leistungen bezahlten müssen.

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