Von der Wut, dem Unverständnis und einem tief beschämenden Gefühl zu dieser Kirche zu gehören. Von einem 1. Advent, der mich nachdenklich stimmt. Und von der überraschenden Folge, dass mich all das bestärkt Pastor werden zu wollen.

Ich habe viele Jahre für das Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt gearbeitet, dort Obdachlose oder von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen kennengelernt. Vor einiger Zeit habe ich angefangen dort ab und zu Frühstücksandachten anzubieten. Sonntagmorgen. 11 Uhr. Rührei, Brötchen, Käse, Orangensaft. Sowas eben. Und am Anfang gibt es eine kurze Andacht, ein schnelles Gebet. Auch heute, am 1. Advent.

Papst Franziskus hat vor kurzem Obdachlose nach Rom eingeladen. Es waren auch einige Hinz&Künztler dabei, die heute begeistert erzählt haben. Ein Gespräch geht mir nicht mehr aus dem Kopf. In dem Gespräch ging es um den ersten Abend in Rom. Der Mensch, der mir von diesem Abend erzählte, schüttelte ungläubig den Kopf, während er sprach.

Jonas, es hat mich einfach berührt. Ich habe kein Wort von dem verstanden, was der Papst erzählt hat. Kein Wort. Aber ich habe geheult vor Berührung.

Ich habe ihm weiter zugehört und er schüttelte noch einmal den Kopf, sah mich an und erzählte, dass er damals in einem christlichen Waisenheim missbraucht wurde. Und er sich nicht vorstellen konnte, jemals wieder etwas Positives mit dieser Kirche zu verbinden. (Okay, und danach erzählte er, dass er sich gefragt hat, wievielen Obdachlosen man wohl mit dem ganzen Gold aus dem Vatikan helfen könnte).

Lass mich sagen, dass es Zufall war. Vielleicht auch nicht. Whatever. Aber ich habe heute Abend „Spotlight“ gesehen. Ein Film über die journalistische Aufdeckung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in Boston, USA. Und weißt du was?

Ich habe mich geschämt. Ich war wütend. Fassungslos. Traurig. 

Natürlich, das alles war nicht neu. Das alles war nicht überraschend. Aber es ist der erste Advent. Und ich wollte heute meinen ersten Beitrag über meine Idee der einfachkirche schreiben. Ich habe mir viele Ideen gemacht. Aber im Laufe des Tages ist mir klar geworden, womit ich wirklich beginnen möchte.

Mit Wut. Mit Traurigkeit. Mit diesem tief beschämenden Gefühl.

Über das, was Kirche war. Über das, was Kirche noch immer sicherlich ist.

Wie kannst du diesem Verein noch angehören?

Das ist eine beliebte Frage an mich. Auch in Gesprächen wie dem heute morgen. Meine Antwort ist immer gleich. Ich möchte nicht Pastor dieser Kirche werden. Ich möchte kein Verteidiger dieser Kirche sein. Ich möchte Anwalt der Frohen Botschaft sein. Ein Pastor für Menschen. Nicht irgendeiner Kirche.

Ich möchte mit Menschen gemeinsam auf dem Weg sein. Vor allem mit Menschen, die vermeintlich fern von Kirche sind. Die sich nicht vorstellen können, jemals wieder oder überhaupt mit Kirche etwas Positives zu verbinden.

In der Andacht heute morgen habe ich die Geschichte vom „Verlorenen Sohn“ (oder von mir aus auch von den „Verlorenen Söhnen“) erzählt. Ich erzähle diese Geschichte deshalb so gerne, weil mir die Bewegung des Vaters gefällt. Der Vater ist immer auf dem Weg nach draußen, um seine Söhne nach drinnen zu holen. Er rennt seinem ersten Sohn entgegen, nachdem der all sein Geld verprasst hat. Und er geht seinem anderen Sohn entgegen, als der nicht versteht, warum die dicke Willkommensparty stattfindet.

Es ist für mich die eindrücklichste Beschreibung dessen, wie Gott ist. Unterwegs. Nach draußen. Immer auf dem Weg nach draußen. 

Es ist nur ein sehr brüchiger Gedanke. Mein Gedanke des Tages. Aber ich glaube, dass Kirche gefährlich wird, wenn sie nicht mehr unterwegs nach draußen ist. Wenn sie sich nach innen verstärkt, anstatt nach außen zu öffnen. Wenn die Strukturen innerhalb der Kirche so fest werden, dass sie selbst Missbrauchsfälle über Jahrzehnte decken kann.

So sitze ich hier nachdenklich. Am 1. Advent. Und denke über diese Kirche nach, die so etwas zugelassen hat. Und darüber, dass ich gerade dabei bin, Teil dieser Kirche zu werden.

Wie kann ich nur diesem Verein angehören wollen?

Weil ich am 1. Advent auch hier sitze und über den Gott nachdenke, der immer am hinauslaufen ist. Der immer unterwegs ist nach draußen. Und für diesen möchte ich Pastor werden. Ich möchte mit ihm hinauslaufen. Unterwegs sein.

Und in all meiner Beschämung über diese Kirche mischt sich Freude und Dankbarkeit. Dass es für Gott anscheinend trotz seiner in so vielen Teilen missratenen Kirche möglich ist, Menschen noch zu berühren. Selbst Menschen, die in kirchlicher Obhut missbraucht wurden und sich bis vor kurzem nicht vorstellen konnten, mit Kirche mal etwas Positives zu verbinden.

Wegen dieses Gottes möchte ich Pastor werden. Wegen solcher Menschen. Aber nicht wegen und erst recht nicht für irgendeine Kirche.

 

 

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