Die Macht des schwarzen Umhangs

Ich soll einen Talar tragen. Nein. Ich muss einen Talar tragen. Ein Talar, das ist dieses schwarze Gewand, das Pastoren tragen. Doch noch gebe ich mich der mächtigen Lobby des schwarzen Sackes nicht geschlagen! Ein dreistufiges Plädoyer gegen die dunkle Macht!

Eines gleich mal vorweg. Ich finde: Der Talar sieht scheiße aus. Und das wird man in diesem Land ja wohl noch sagen dürfen! Er betont… nichts. Der Talar ist ein Sack. Und wer anderes behauptet, soll nochmal genau hinschauen und nicht mit einem vermeintlich taillierten Schnitt in die Diskussion einspringen.

So, das musste erstmal raus. Was für mich ansonsten gegen den Talar spricht? Kurz gesagt: Alles.

Keine historisch überzeugende Grundlage

Der Talar war ursprünglich die Kleidung von Professoren. Quasi Amtskleidung für Akademiker. Und zwar im Mittelalter. Martin Luther – als Professor – trug ihn auch in der Kirche. Zumindest zur Predigt. Und irgendwie hat sich die lutherische Kirche dann wohl gedacht, dass es toll wäre, wenn alle so aussehen würden wie Martin Luther. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Talar dann in Preußen als Amtskleidung eingeführt. Aber nicht nur für Pastoren, sondern auch für Richter und andere Beamte des Königs. Ja… und seitdem tragen wir das Ding.

Wo genau liegt hier also ein Grund, dass wir den Talar noch heute tragen sollten? Weil… man das schon immer so gemacht hat? Weil… es einen überzeugenden historischen Grund gibt? Und wo genau in der Geschichte? Ich habe vor kurzem in diesem Artikel der Welt von Reinhard Brunner das Zitat gelesen: „Wir haben Luther kopiert, aber nicht kapiert“. Das mit dem Talar fällt wohl in die gleiche Kategorie.

Theologischer Bullshit

Erstmal farblich: Warum tragen wir schwarz, aber reden von einer Frohen Botschaft? Es ist ja auch kein dezentes schwarz. Es ist schwarz-schwarz. Mit einem Hauch von Weiß.

Dann im Blick auf Gemeinde: Was drückt das Tragen des Talars aus? Mein Amt. Ich bin der Pastor. Ich bin es, der hier das Gewand trägt. Ihr seid die normale Gemeinde. Ich nicht.

Da entsteht eine Unterscheidung. Eine Hierarchie. Und nach meiner bisherigen Erfahrung muss ich sagen: Genau das gefällt vielen Pastoren. Es hebt sie hervor. Es macht sie wichtiger. Noch schlimmer: Nicht selten höre ich, dass Pastoren erzählen, dass sie sich durch den Talar gestärkt fühlen. Sicherer.

Und darum geht es? Dass wir uns als Pastoren eine Rüstung anlegen? Die uns… vor was nochmal schützt?

Ein Schneckenhaus für Pastoren

Eines der häufigsten Argumente für den Talar, die ich so höre, ist: Die Person tritt zurück, das Amt tritt in den Vordergrund. Es steht nicht mehr Jonas mit seinem Stil vorne. Nicht mehr nur Jonas als die Person, die er ist. Sondern das Amt des Pastors. Ernsthaft?

Hat das mal jemand zu Ende gedacht? Wäre es dann nicht gut, wenn gar keiner mehr vorne steht? Sondern eine Puppe mit einem Talar und die Predigt wird über ein Computer-Programm vorgelesen? Ich meine… ich rede doch ganz anders als andere. Ich habe mir ganz eigene Gedanken gemacht. Das bin doch alles ich in der Predigt. Das bin ich. Das ist meine Auslegung der Bibel. Da stecken meine Erfahrungen drin. Meine Meinung. Meine Wortwahl. Meine Rhetorik. Meine Mimik und Gestik.

Überall ich.

Aber bitte. Mit dem Talar wird das alles anders. Die Person tritt zurück. Das Amt tritt in den Vordergrund. Nicht.

Das ist ein Schönreden dessen was der Talar wirklich ist: Ein Schneckenhaus für Pastoren. Kopf rausgucken lassen, aber mehr bitte nicht. Wenn es schlimm wird, dann ziehe ich den Kopf ein. Und alle Schneckenhäuser sollen bitte gleich aussehen.

Der Talar ist eine Verkleidung

Jetzt kommt ein persönliches Argument: Ich fühle mich nicht authentisch in einem Talar. Es ist eine Verkleidung. Ein Kostüm. Das bin nicht ich. Aber ich muss es tragen. Weil… ja warum eigentlich?

Naja, es steht so im Kirchenrecht mehr oder weniger fest verankert. Aber warum? Und was ist der Sinn, dass ich es heute tragen muss?

So richtig überzeugen konnte mich bislang niemand. Alle Argumente sind für mich nicht hinreichend. Nicht tiefgehend genug.

Die Kirche steckt mich in ein Kostüm, in dem ich mich nicht authentisch und wohl fühle. Und kann mir nicht inhaltlich überzeugend erklären, warum und wofür das ganze Theater.

Nichts als schwache Argumente

Mein Lieblingsargument von der Pro-Talar Fraktion ist, dass der Talar helfe, dass die Leute auf die Predigt hören würden. Sonst würden sie ja so schnell über die Farbe der Krawatte des Pastoren nachdenken. Was ich mich dann immer frage: Schaut irgendjemand in Kirche eigentlich auch mal aus seinem rosaroten eigenen Welt heraus? Wird dieses Argument auch mal überdacht?

Wieso werden eigentlich Redner auf der ganzen Welt nicht auch immer in einen schwarzen Sack gepackt? Wieso ist dieser gute Gedanke der Kirche im Bundestag noch nicht angekommen? Da kann doch niemand zuhören, wenn die keinen Talar anhaben! Das müssen wir denen mal erzählen! Schnell!

Und hat schon mal jemand von diesen Pro-Talar Leuten selbst einer Predigt zugehört? Was war ablenkender: Das eigene Leben, das was einen gerade beschäftigt hat – oder ernsthaft die Kleidung der Person vorne? Oder vielleicht auch der Sprachfehler des Pastoren? Seine schlechte Rhetorik? Die schlechte Akustik in der Kirche? Oder… ja vielleicht doch noch etwas ganz anderes: der Inhalt der Predigt?

Inhaltsleere Predigten

Ich bin mir recht sicher, dass hinter der ganzen Talar-Diskussion letztlich eine Sache steht: Das Nicht-Vertrauen-Können auf die Predigt. Auf den Inhalt der Predigt.

Meine Güte, wenn wir gute Predigten halten, dann werden die Leute nicht am Ende nur über die rote Krawatte nachgedacht haben! Aber wenn das rot der Krawatte das Einleuchtendste an der Predigt war – ja, dann bleibt diese natürlich in den Köpfen!

Wenn wir gute Predigten halten, dann brauchen wir kein Schneckenhaus, das uns schützt. In das wir uns verkriechen können.

Wenn wir gute Predigten halten, dann müssen wir uns als Person nicht im Talar abgeben und in ein Amt fliehen.

Ein dreistufiges Plädoyer

Ich möchte ein dreistufiges Plädoyer halten. Für Menschen, die predigen. An Menschen, die predigen. Und gegen den Talar.

Erstens: Lasst uns predigende Menschen sein!

Menschen. Typen. Authentisch. Lasst uns sein, wie wir sind. Es geht nicht um das Amt. Es geht um den Menschen. Der Mensch predigt, nicht das Amt. Der Mensch spricht, nicht das Amt. Also: Lasst uns anziehen, was wir anziehen und lasst uns sein, wer wir sind. Genau davon predigen wir doch so gerne. Dann lasst es uns auch authentisch vorleben.

Zweitens: Lasst uns ein ganz normaler Teil der Gemeinde sein!

Keine Hierarchie. Kein „ich“ und „meine Gemeinde“. Wir sind ein Teil der Gemeinde. Nicht ihr Kopf. Nicht ihr Chef. Wir sind nicht hervorgehoben. Stehen Gott nicht näher und haben keine Superkräfte. Also: Lasst uns nicht optisch und in unseren Herzen eine Stufe zwischen der Gemeinde und uns aufbauen!

Drittens: Lasst uns gute Predigten schreiben! Lasst uns gute Predigten halten!

Ehrlich sein. Authentisch sein. Nichts sagen, wenn wir nichts zu sagen haben. Weniger und dafür tiefgehender predigen. Rhetorik! Also: Lasst uns die Qualität unserer Predigten steigern und wir brauchen kein Schneckenhaus zum Verstecken! Wenn wir nicht so viel belanglosen Scheiß predigen würden, dann müssten wir uns auch weniger Sorgen machen, dass die Leute sich um unsere gepunktete Krawatte Gedanken machen.

Die Talar-Lobby

Vielleicht erlebe ich es ja noch. Ein Ende der Talar-Pflicht für uns Pastoren in der Landeskirche. Ja, dann würde man uns nicht mehr sofort erkennen. Aber wofür genau ist das nochmal wichtig? Für mein Ego?

Vielleicht erlebe ich es ja noch. Pastoren, die als authentische Menschen vorne in der Kirche stehen. Unverkleidet. Unverstellt. Und ohne schwarzen Talar, der auf widersprüchliche Art unsere Frohe Botschaft farblich unterstützen soll.

Vielleicht erlebe ich es aber auch nicht. Und ich weiß auch schon, wer dann schuld ist: die Talar-Lobby. Sie setzt sich zusammen aus Angst, Tradition und Sturheit. Und hat eine hohe Argumentationsresistenz.

Der letzte Sinn des Talars

Ich habe übrigens schon einen Talar. Gebraucht gekauft. Und ich habe lange gedacht, dass der Talar wenigstens bei Beerdigungen passen würde. Wegen schwarz. Und das passt doch zu Trauer und Tod und so. Bis mir einfiel: Eigentlich ist der schwarze Talar das dämlichste, was wir als Christen, als Pastoren, zu einer Beerdigung tragen können.

Denn wer, wenn nicht wir, spricht über Hoffnung, Leben, Auferstehung – eine Frohe Botschaft – selbst am Grab? Selbst im Tod? Selbst in der tiefsten Trauer?

Wo sonst sollten wir erst recht Farbe tragen, als da, wo die Welt schwarz sieht?

Jetzt habe ich also einen Talar und mir ist der letzte Grund für seinen Besitz ausgegangen.

Ach nein. Einen Grund habe ich natürlich. Ich muss ihn ja tragen. Na ein Glück. Dann war der Kauf doch nicht umsonst.

 

 

 

5 Gedanken zu „Die Macht des schwarzen Umhangs

  • 11. Januar 2017 um 7:26
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    Ein Dir und mir nicht unbekannte Pastor trägt eine helle „Mönchskutte“. Ist das dann illegal?
    Es ist zwar auch noch eine Verkleidung, aber zumindest eine sozusagen Fröhlichere

    Antwort
    • 15. Januar 2017 um 20:04
      Permalink

      Ich muss gestehen, dass ich selber noch nie eine solche getragen habe und daher nicht weiß, ob es sich für mich anders anfühlt. Ich finde es farblich auf jeden Fall passender und fröhlicher. Trotzdem bleiben bzw. würden die meisten meiner Argumente aus meiner Sicht bestehen bleiben… bis auf das „Farb-Argument“ (und dem theologischen Punkt dahinter).

      Antwort
  • 13. Januar 2017 um 19:08
    Permalink

    Hallo Jonas,
    habe hier durch Zufall Deine Website entdeckt und muss sagen, dass mir viele der Artikel gut gefallen. Gut, sie sind oft nicht mein Ansatz, aber Deine Motivation und das Engagement, das aus ihnen spricht, die sprechen auch mich an. Mit Dir würd ich gern mal diskutieren, weil ich denke, dass es sehr fruchtbar sein könnte. In jedem Fall meine ich, Deine große „Liebe“ zur Kirche als Gemeinschaft der Nachfolger Christi zu spüren.

    Nur bei diesem Artikel ist es anders. Hier regt sich bei mir Widerstand. Du machst im „Spannungsfeld“, wie es bei uns im Vikariat ja immer so schön heißt, von „Amt und Person“ die Seite der Person extrem stark. Sie trägt alles. Sie ist Zeuge für Gottes Taten, für seine Liebe und alles, sie soll ein guter, engagierter Prediger sein. Dazu braucht sie keinen Talar. Die, die ihn brauchen, wollen sich verstecken, einigeln in einer Komfortzone, sich in aschgrauer Tradition verbarrikadieren.

    Ich, als Vertreter der „Pro-Talar“ Fraktion finde das etwas unterstellend von Dir. Ich finde es nicht notwendig, mich im Talar zu verstecken, ich finde die Predigten und Gottesdienste, die ich leiten darf, nämlich gut und stecke viel Energie rein. Ich will mich durch meinen Talar auch nicht abkapseln von der Gemeinde oder mich auf althergerachte Traditionen oder Machtverhältnisse zurückziehen. Du greifst diejenigen an, die sagen, sie brauchen den „Schutz“ eines Talares. Aber ich finde, Du missverstehst das Anliegen. Das Anliegen ist nämlich nicht, sich in seiner Amtsposition zu schützen, sondern sich als Person. Die Person, gerade wenn sie von dir so aufgeladen wird, kann nicht alles tragen! Manches muss das Amt für sie tragen. Denn, wer gibt dir, der Person Jonas Goebel, das Recht der Gemeinde zu predigen und ihren Gottesdienst zu leiten? Sicher, nicht der Talar. Aber auch nicht Dein Engagement oder Deine guten Predigten. Das Recht gibt Dir Dein Amt, das Dir die Gemeinde überantwortet, um dasjenige für sie zu tun, was jeder Christ eigentlich selbst können sollte. Aber sie delegiert es an Dich! Aber eben nicht an Deine Person, sondern als Dein Amt. Und für dieses Amt steht der Talar. Nicht als Heraushebung, nicht als Privileg, sondern als Zeichen für das Amt in der Gemeinde. Wenn die Leute wegen eines Sterbefalls bei Dir anrufen, dann wollen sie nicht „den engagierten Christen Jonas Goebel“ sprechen, sondern „den Pastor“. Deine Person ist nicht gefragt, sondern das Amt, das Du nach bestem Wissen und Gewissen ausfüllen sollst. Und dafür steht der Talar.

    Das alles klingt vielleicht etwas steil, aber ich finde, es ist ein nötiges Gegengewicht zu Deiner einseitigen Auflösung der Spannung von Amt und Person. In dieser Spannung stehen wir als beauftragte Verkündiger alle. Wenn ich alles, was ich in meinem Amt tue, nur durch meine Person decken müsste, dann würde es mich überfordern. Manches aber kann ich getrost an die Tradition, das Herkommen und den guten alten Talar abgeben.

    Beste Grüße und viel Erfolg weiter im Vikariat!

    Antwort
    • 15. Januar 2017 um 20:01
      Permalink

      Vielen Dank für deine ausführliche Antwort! 🙂
      Eine Frage habe ich gleich zurück bei dem Thema:
      Ich habe noch nicht aus deiner Antwort lesen können, wozu es denn nun den Talar braucht. Du argumentierst für das Amt, aber auch für den Talar? Ich würde dir glaube ich in vielen zustimmen, was du sagst. Nur verstehe ich nicht, wieso dann am Ende der Talar herauskommt und wieso das alles, was du berechtigterweise Positives über das Amt schreibst, nicht auch ohne Talar funktionieren würde… weißt du was ich meine? Du schreibst am Ende, dass vieles überfordern würde, wenn wir es nur durch unsere Person decken müssten und dass du dann froh bist, dass es Tradition und Talar gibt. Aber ist das denn wirklich das Amt? Die Tradition und der Talar? Hmm… mir fällt es gerade schwer die Frage richtig auf den Punkt zu bringen… vielleicht hoffe ich jetzt einfach, dass du meine Nachfrage irgendwie schon so verstanden hast… 😀
      Liebe Grüße ins Vikariat zurück! Wo bist du denn gelandet?

      Antwort
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