Langeweile? Können wir! Weltfremdheit? Können wir! Was wir aber am besten können? Belanglosigkeit. Predigten, die aus einem langgezogenen „Blaaa“ bestehen. Veranstaltungen, die im besten Fall ihre Inhaltsleere durch „Gemeinschaft“ vertuschen. Was bleibt von einer christlichen Kirche, wenn „Christus“ nur noch namensgebend, aber nicht mehr inhaltsbestimmend ist? Belanglosigkeit. Was mich am meisten irritiert: Mit welcher Beharrlichkeit wir auf diese Inhaltsleere und Bedeutungslosigkeit zusteuern.

Da erzählt mir eine Freundin, dass sie – die eigentlich nie in eine Kirche geht – am letzten Sonntag zufällig im Radio eine Predigt gehört hat. Es geht um Maria und Marta. Eine recht bekannte Geschichte aus der Bibel. Jesus kommt in ein Haus, da sind zwei Frauen. Eine sitzt und hört Jesus zu, die andere schuftet die ganze Zeit in der Küche. Als Pointe hat besagte Freundin mitgenommen, dass Jesus heute Pizza bestellen würde. Oder so ähnlich.

Was mich (mal wieder) erschreckt hat: Für meine zufällige Predigthörerin war diese Predigt so inhaltsleer, so belanglos – diese Predigt hat alles getan, aber an keinem Punkt bei ihr so etwas wie „Bedeutung“ hervorgerufen. Keine Bedeutung für ihre Welt, keine für die große Welt. Aber wir wissen jetzt alle, dass Jesus Pizza bestellen würde und niemand muss sich mehr streiten, ob sich nun Maria oder Marta in dem Predigttext richtig verhalten haben…

Seichtes Pop-Oratorium 

Vor kurzem war ich bei dem sog. „Pop-Oratorium“ in der Barclay-Card-Arena in Hamburg. Rund 8000 Zuschauer, professionelle Musicaldarsteller, professionelle Band+Orchester, tolles Licht und ein Chor aus 1500 Menschen. Meine Güte, toll oder? Wie stolz die Kirche auf diese Veranstaltung ist! Kirche kann rausgehen. Kirche kann modern. Kirche kann zum Reformationsjubiläum so ein richtig dickes Ding über Martin Luther raushauen. Wir sind alle begeistert!

Nicht.

Vielleicht hätte ich schon stutzig werden sollen, als ich las, dass das Oratorium von einem 73-Jährigen getextet wurde. Und von einem 59-Jährigen die Musik stammt. Frischer Wind in der Kirche, wa? Vielleicht hätte ich auch stutzig werden sollen, dass ich allein in meinem kleinen Block vier gute Freunde/Bekannte aus Kirche zufällig traf.

Tatsächlich war das nämlich einfach nur eine große christeninterne Veranstaltung. Auf dem Weg zur Arena – es spielte der HSV gleichzeitig nebenan im Stadion – wunderten sich schon ein paar der HSV-Fans: „Wo wollt ihr hin? Luther? Oratorium? Nie gehört“. Wahrscheinlich war Kirche an diesem Abend der normalen Welt wirklich mal ganz schön nah. Aber eben nur nah und nicht dabei. Wir Christen saßen in unserer Arena. Die Welt war nebenan beim HSV. Nun gut. Dafür war das Oratorium zumindest gut.

Naja. Es war technisch nicht schlecht. Alle haben gut gesungen. Keine Frage. Ich habe nicht die Fähigkeiten, solche Lieder zu schreiben. Ich habe nicht die Fähigkeit, solche Oratorien zu texten. Aber ich habe Ohren zu hören. Und was ich gehört habe, war vor allem ein langes „Blaaa“. Christliche Floskeln werden nicht tiefgehender, nur weil man sie mit 1500 Leuten zusammen singt. Oder mit toller Lichttechnik unterstützt.

Wichtigste Aussagen des Stückes? 1. „Am Anfang war das Wort und das Wort ward bei Gott“. 2. „Wir sind Gottes Kinder“. Genau. Aber das jetzt eben ein paar mal wiederholen und dann alle zusammen singen.

Ob es gar keinen Inhalt gab, der Martin Luther wichtig war? Doch natürlich! Die vier bekannten „soli“ wurden natürlich auch vertont. Wobei. Naja, leider nur drei. Zu „solus christus“ hat es dann leider doch nicht mehr gereicht. Immerhin wurde es aber einmal kurz reingesungen im Hintergrund. Vermutlich war das aber auch ein Versehen.

Wofür stehen wir Kirche?

Es sind nur zwei kleine aktuelle Beispiele. Die für mich stellvertretend für etwas stehen. Für unsere Belanglosigkeit. Nein, Moment. Ich glaube natürlich nicht, dass wir belanglos sind. Aber wir präsentieren uns so. Inhaltsleer. Bedeutungslos. Hauptsache wischiwaschi. Nicht anecken. Bloß nichts sagen, was mit einer Botschaft verwechselt werden könnte. Überzeugt von etwas reden? Etwa auch noch missionarisch sein? Menschen einladen, von dem begeistern wollen, wofür wir als Kirche stehen? Um Himmels Willen!

Doch da fängt es ja schon an: Wofür stehen wir als Kirche eigentlich? Wir könnten uns darüber nun trefflich streiten. Nur um eines möchte ich mich nicht streiten müssen. Wenn wir uns als „Christen“ bezeichnen, wenn wir uns als „christliche“ Kirche bezeichnen – wieso streichen wir dann gerade an dem namensgebenden Punkt den Inhalt besonders gern zusammen?

Wieso führen wir mit einem Riesenbudget ein Oratorium über Martin Luther auf, das inhaltlich nahezu nichts „Christliches“ zu bieten hat? In dem ein solus christus verschwindet und Luthers Erkenntnisse über die Gnade Gottes durch ein völlig zusammenhangslos eingebrachtes „Am Anfang war das Wort“ ersetzt werden?

Wie kann es sein, dass wir immer noch PredigerInnen auf die Kanzel und ins Radio lassen, die eigentlich nur eins können: Menschen davon überzeugen, dass sich das frühe Aufstehen am Sonntag wirklich nicht lohnt.

Wir machen Veranstaltungen, die sich unter dem Deckmantel von „Gemeinschaft“ versuchen vor ihrer wahren Identität zu verstecken: Der Identität der Inhaltslosigkeit. Was unterscheidet uns von der freiwilligen Feuerwehr? Vom Kegelverein? Beides keine schlechten Dinge! Aber wenn wir in der nächsten Woche zu einer Veranstaltung in der Kirche und einmal zum Kegelverein in der Kneipe nebenan gehen – und wir hinterher feststellen, dass inhaltlich eigentlich  beide Gruppen auch fusionieren könnten – was genau ist dann unsere Daseinsberechtigung als Kirche?

Am erstaunlichsten finde ich dabei, mit welcher Überzeugung und Leidenschaft, ja welcher Beharrlichkeit Kirche die Bedeutungslosigkeit häufig vertritt. Inhaltsleere wird dann als „Nähe bei den Menschen“ verkauft. Aus Angst etwas zu sagen, sagen wir lieber nichts. Oder so viel, dass am Ende keiner mehr weiß, was wir eigentlich sagen wollten. Ersteres beliebt in der Führungsetage unserer Kirche. Letzteres sehr beliebt unter uns Pastoren.

Eine Kirche ohne Jesus

Was bleibt vom Christentum, wenn „Christus“ genommen wird? Was ist Kirche, wenn sie das einzige, was sie besonders macht, nicht vertritt? Nicht laut von dem spricht, was ihr Grund und ihre Hoffnung ist?

Über einen Gott reden viele Religionen. Gemeinschaft können viele Einrichtungen bieten. Nächstenliebe ist in unserer Gesellschaft an vielen Punkten tief verwurzelt, auch ganz ohne unser aktuelles Zutun als Kirche. Aber wer redet noch von Jesus, wenn wir es nicht tun?

Richtig.

Und weißt du was? Ich glaube, dass die Menschen da draußen aber genau das hören wollen. Jesus. Nicht, weil sie an ihn glauben wollen und sich alle morgen taufen lassen werden. Sondern, weil sie wissen wollen, warum es uns als Kirche eigentlich gibt. Und was uns ausmacht. Warum wir glauben. Was wir glauben. Welche Daseinsberechtigung haben wir noch?

Stell dir vor, du gehst in einen Apple-Store – aber sie verkaufen dort kein iPhone, kein iPad und keine Macs mehr. Stattdessen gibt es Kaffee, wie bei Starbucks gegenüber. Möbel, wie bei Ikea aus der Innenstadt. Und Smartphones von Microsoft. Wärst du vielleicht enttäuscht? Weil du eigentlich erwartet hattest, dass du bei Apple das kaufen kannst, was du sonst nirgendwo herbekommst?

Klar, der Kaffee schmeckt vielleicht. Die Möbel sind interessant und das Smartphone ist besser als erwartet. Und doch bleibt eins: Apple hätte sich für dich auf eine Art belanglos gemacht. Denn all diese Produkte bekommst du eben auch bei Starbucks, Ikea und Microsoft.

Was hat Jesus mit mir zu tun?

Und genau so erlebe ich uns als Kirche, gerade als Landeskirche, zu häufig. Wir machen alles. Wir reden über alles. Nur nicht über das, über das sonst niemand spricht. Jesus.

Und ich glaube, dass es die Menschen da draußen interessiert, was dieses Jesus mit ihnen zu tun hat. Ich glaube, dass unsere Kirchen voller wären, wenn wir Inhalt bieten würden. Wenn wir zeigen würden, dass unsere Botschaft nicht belanglos ist. Sondern einzigartig. Nicht Bedeutungslos. Sondern lebensverändernd.

Weniger Breite, mehr Tiefgang. Mehr Mut und weniger allgemeingültige Floskeln. Und wenn wir schon 8000 Leute in einer Halle haben, liebe Kirche, wie wäre es, wenn wir es das nächste Mal mit weniger Bla und mehr Jesus versuchen würden? Ich könnte mir auch durchaus vorstellen, dass das diesem Martin Luther durchaus gefallen würde… ist aber nur so eine ganz leise Vermutung…

 

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