Erik Flügge hat geschrieben, dass die Kirche an ihrer Sprache verreckt. Schön wäre es. In Wahrheit ist es viel schlimmer. Wir verrecken weil uns Glaube und Liebe fehlen. 

Es gibt schon länger dieses erfolgreiche Buch von Erik Flügge „Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“. Ich finde das Buch toll. Und treffend. Aber inzwischen denke ich mir: Es greift zu kurz. Wie schön wäre es, wenn nur unsere Sprache unser Problem wäre. Wie schön wäre es, wenn wir nur aufgrund unserer Redewendungen und Art und Weise in Kirche zu sprechen verrecken würden. In Wahrheit, so glaube ich inzwischen, ist es viel schlimmer. Wir verrecken wegen fehlender Liebe und wegen fehlendem Glauben.

Ich muss gleich dazu sagen: Alles was ich schreibe gilt auf keinen Fall flächendeckend für alle Gemeinden. Aber ich glaube, dass da, wo Kirche vergeht, sehr häufig zwei Dinge fehlen. Nämlich Liebe und Glaube. Und wenn du jetzt vielleicht denkst, dass ich das auf gar keinen Fall so schreiben kann – dann lass es mich kurz erklären. Und wenn du hinterher immer noch denkst, dass ich völlig falsch liege, dann freue ich mich über deinen Kommentar.

Das Problem sind die, die da sind

Also ganz im Ernst, ich glaube: unser Problem sind nicht die, die nicht (mehr) da sind. Sondern meistens die, die (noch/schon immer) da sind. Wir als Kirche verlieren massiv an Relevanz, konstant an Mitgliedern und haben ein massives Nachwuchsproblem. Wir werden in absehbarer Zeit extreme Geldsorgen haben, viele Gemeinden werden ohne Pastor dastehen, einfach weil es keine freien Pastoren gibt. Und warum das alles? Nein, nicht, weil immer weniger Leute zu uns kommen. Oder austreten, wenn sie ihren ersten Gehaltsnachweis sehen. Sondern weil uns in Kirche zu häufig Liebe und Glaube fehlt.

Anstatt von Liebe geleitet zu sein, denken wir gerne egoistisch. Wir wollen den Gottesdienst so feiern, wir er den 20 Leuten gefällt, die kommen. Was mit den tausenden Menschen um uns herum ist? „Die können ja auch kommen. Sie sind doch immer eingeladen“. Das ist Bullshit. Unser Gerede auf allen kirchlichen Eben von einem offenen und einladendem Gottesdienst. Das ist nicht nur Selbstbetrug. Das ist eine Lüge. Das ist Egoismus und vor allem fehlende Liebe zu den Menschen um uns herum. Wem es wichtiger ist, den Gottesdienst so zu feiern, wie er einem selbst gefällt und dafür in Kauf nimmt, dass eben für gewöhnlich die meisten unserer Mitglieder und nahezu alle Menschen aus unserem Einzugsgebiet nicht in unsere Gottesdienste kommen, der ist von Egoismus und fehlender Liebe geleitet.

Wir erreichen 0,25%

Im Ernst – ich habe diese Rechnung einmal beispielhaft für meine aktuelle Gemeinde aufgemacht. Wir haben ca. 10.000 Menschen in unserem Gemeindegebiet. Davon sind grob 2.500 Mitglied in unserer Kirche. Wir sind am Sonntag etwa 20-30 Besucher im Durchschnitt. Nehmen wir für die Rechnung 25 Personen an. Wir haben dann einen durchschnittlichen Gottesdienstbesuch von 0,25% aller Menschen um uns herum. Und wahnsinnige durchschnittliche 1% unserer Mitglieder.

Für wen sind wir als Gemeinde da? Warum sind wir im Stadtteil? Oder auch mal ganz pragmatisch: Für wen wenden wir den Großteil unserer Gelder auf? Für 1% unserer Mitglieder? Sollen 99% zahlen? Und dann verwundert es noch, dass Menschen austreten? Ich würde aber sowas von schnell aus einem Verein rausgehen, wenn ich eigentlich nur Melkkuh bin, damit andere machen können, was sie toll finden.

Natürlich können wir niemanden zwingen zu uns zu kommen. Und wir können auch nicht erzwingen, dass unsere Kirchen voller werden. Aber jetzt mal Butter bei die Fische: Geht es darum, dass wir (als Kirche) bleiben oder dass wir (als aktuelle Mitglieder) bleiben? Wer und was soll hier bleiben? Und um wen geht es hier bei uns?

Es fehlt die Liebe!

Und Jesus sprach: „Also geht hinaus in die Welt und schaut, dass ihr 0,25% der Menschen erreicht. Wenn ihr das geschafft habt, dann macht einfach euer Ding. Wenn die anderen nicht kommen wollen, dann ist das eben so. Hauptsache ihr fühlt euch wohl.“. Das steht wo genau in der Bibel? Richtig. Nirgends. Weil es nämlich Schwachsinn ist. Aber genau das passiert in Teilen unserer Kirche.

Und ich finde, das ist fehlende Liebe. Denn ich liebe mich dann mehr als meinen Nächsten. Wenn mir wichtiger ist, dass mein Gottesdienst bleibt wie er ist, dann geht es mir mehr um mich, als um andere. Manche würden das missionarisch nennen und nicht-missionarisch. Aber ich glaube, das beschönigt die Sache. Und ab sofort will ich es beim Namen nennen: Wir reden von einem Gott, der alle Menschen liebt. Aber wir sind eine Kirche, die nicht alle Menschen liebt.

Es fehlt der Glaube!

Und ich glaube hinter der fehlenden Liebe steht eigentlich noch etwas viel Traurigeres: Fehlender Glaube. Ich meine: wo kommen wir als Kirche eigentlich her? Wir blicken zurück und lesen fast jeden Sonntag von Leuten wie Paulus oder den ersten Jüngern. Ey: Die haben sich hinrichten lassen, weil sie so überzeugt von der Sache Jesu waren. Die haben sich ins Gefängnis stecken lassen, weil sie lieber den Leuten von Jesus erzählen wollten, als es sich verbieten zu lassen. Das ist unsere Basis. Das Christentum ist aus Überzeugung entstanden. Aus Glaube. Und wenn wir in die Geschichte schauen, dann finden wir immer zu allen Zeiten, dass vom Glauben „entbrannte“ Menschen die Liebe Gottes in die Welt gebracht haben.

Da waren Menschen so sehr überzeugt von der Sache Jesu, dass sie anderen davon erzählen wollten. Ja, regelrecht mussten. Und dann kommen wir heute. Und geben uns mit 0,25% zufrieden? Verstehst du, es geht ja nicht darum, dass irgendwer von uns in Knast müsste. Oder auch nur irgendwas Schlimmes zu erwarten hätte. Es geht darum aus seiner Komfortzone mal rausgekrochen zu kommen. Aber das tun vielfach nicht. Und warum nicht? Meine These: Weil der Glaube fehlt. Die Überzeugung fehlt.

Wer von der Sache Jesu nicht so richtig überzeugt ist, der sieht natürlich auch keinen Grund, warum die 99,75% von Jesus hören sollten.

Alles in Rage hier?

Ich vermute du merkst, dass ich mich gerade etwas in Rage schreibe. Aber das darf ja ab und zu auch mal wieder sein. Finde ich. Und ich bin gespannt, was du mir jetzt gleich zurückkommentierst. Aber ich bin es leid, dass wir immer irgendwelche Ausreden finden. Und unser Verhalten schön reden. Seien wir doch mal ehrlich und gestehen uns ein: Wir verrecken nicht an unserer Sprache. Wir verrecken, weil uns Glaube und Liebe in der Kirche fehlen.

Und damit meine ich nicht überall in der Kirche. Vielleicht ist es gerade bei dir und in deiner Gemeinde nicht so. Mir fallen genug Gemeinden ein, die voller Liebe und voller Glaube sind. Sind diese Kirchen alle automatisch voll? Hmm, ich glaube so einfach geht der Umkehrschluss nicht. Aber nach allem was ich sehe und beobachte, erhöht das die Wahrscheinlichkeit extrem. Fast alle lebendigen und gut besuchten Gemeinden die ich kenne, sind von Herzlichkeit geprägt. Offen für  Neues. Es geht um Jesus. Es geht um die Menschen. Da wollen Leute das, was sie begeistert, anderen mitgeben. Weil sie etwas geschenkt bekommen haben, Glaube, was sie begeistert und weil sie aus Liebe dieses Wunderbare auch anderen Menschen wünschen – deshalb gibt sich eine solche Gemeinde nicht mit 0,25% zufrieden.

Denn Jesus Christus hat gesagt: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“

Punkt.

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