Moderne Interpretation einer zerstörten Kirche mit Menschen an einer Festtafel und dem Schriftzug Copy Nothing Copy Jesus
Empfehlung Lesen

Braucht die Kirche einen „Jaguar-Moment“?

Wir verwalten den Niedergang in „Beige“, während uns ein ausgewachsener Orkan ins Gesicht bläst. Ich glaube: Wir brauchen als Kirche einen „Jaguar-Moment“ – den Mut, uns von Gebäuden und Traditionen zu trennen, um mit der Lizenz zum Scheitern völlig neue Wege zu gehen.

Moin! Wir Norddeutschen gelten ja als sturmfest. „Nich‘ lang schnacken, Kopp in‘ Nacken.“ Aber wenn wir ehrlich sind, spüren wir alle, dass der Wind, der der Kirche ins Gesicht bläst, kein laues Lüftchen mehr ist. Es ist ein ausgewachsener Orkan.

Die Zahlen kennen wir, auch wenn wir sie ungern lesen: Wissenschaftliche Projektionen (wie die Freiburger Studie) sagen voraus, dass sich die evangelische Kirche, auch hier im Norden, bis 2060 mehr als halbieren wird. Wir reden von einem Rückgang um fast 60 Prozent. Das ist kein „natürliches Schrumpfen“, weil die Alten sterben. Es ist eine massive Relevanzkrise. Menschen, gerade in den Jahren, in denen sie Verantwortung tragen, gehen aktiv. In Großstädten wie Hamburg ist es längst normal, nicht in der Kirche zu sein.

Angesichts dieser Lage reicht ein bisschen „Optimieren“ nicht mehr. Wir können nicht einfach die Wände im Gemeindehaus bunt streichen, einen Instagram-Account starten und hoffen, dass die Hütte wieder voll wird. Wir stehen an der Kante.

In dieser Situation lohnt sich ein Blick über den Tellerrand. Auf eine altehrwürdige britische Institution, die gerade das Undenkbare getan hat: Jaguar. Das wirft die Frage auf: Brauchen auch wir als Kirche so einen radikalen „Jaguar-Moment“?

1. Was ist der „Jaguar-Moment“?

Jaguar war Jahrzehnte lang die Marke für ältere Herren in Tweed-Sakkos. British Racing Green. Edel, aber verstaubt. Im Marketing nennt man so etwas (angeblich) eine „Beige-Marke“ – nett, gefällig, tut niemanden weh, ist aber völlig irrelevant für die Zukunft.

Im November 2024 tat Jaguar dann etwas, das in jedem Lehrbuch als Wahnsinn bezeichnet würde: Sie zertrümmerten regelrecht den Reset-Knopf.

  • Der radikale Bruch: Sie kündigten an, vorerst keine Autos mehr zu bauen. Bis die neue Elektro-Flotte 2026 kommt, gibt es eine bewusste Lücke.

  • Die Zerstörung der Ästhetik: Sie starteten die Kampagne „Copy Nothing“. Der Werbespot zeigte kein Auto, sondern surreale Models in grellen Outfits und einen Vorschlaghammer, der Wände einreißt. Slogans wie „Delete Ordinary“ (Lösche das Gewöhnliche) dominierten.

  • Die bewusste Polarisierung: Das Internet explodierte vor Hass. Die treuen Bestandskunden fühlten sich verraten. Jaguar nahm das in Kauf. Sie opferten die Vergangenheit, um eine Zukunft bei einer völlig neuen Generation zu haben. Sie entschieden: Wir verkaufen kein Produkt (Auto) mehr, wir verkaufen eine radikale Identität („Exuberance“/Überschwang).

Der „Jaguar-Moment“ ist also der bewusste Entschluss, das Alte sterben zu lassen – inklusive der Gefahr, alles zu verlieren –, um überhaupt eine Chance auf ein „Morgen“ zu haben.

2. Kirche und Jaguar: Ähnlichkeiten und entscheidende Unterschiede

Die Parallelen springen ins Auge. Wie das alte Jaguar sind wir als Volkskirche eine Institution mit riesiger Tradition, die viel „Beige“ angesetzt hat. Wir versuchen oft, es allen recht zu machen, niemanden zu verärgern – und werden genau dadurch im kulturellen Grundrauschen unsichtbar. Wir verwalten den Niedergang und nennen es Traditionspflege.

Doch wenn wir fragen, ob wir den gleichen Weg gehen können, müssen wir einen fundamentalen Unterschied sehen:

Das Ziel der Exklusivität vs. der Auftrag für alle. Jaguar ist eine Luxusmarke. Ihr Ziel ist Exklusivität. Sie können sagen: „Wir wollen die alten Tweed-Träger nicht mehr, wir wollen nur noch die hippe, reiche Avantgarde.“ Kirche hat einen anderen Auftrag. Wir sind (noch) „Volkskirche“. Unser Auftrag gilt theoretisch allen Menschen, nicht nur einer coolen Zielgruppe in der Großstadt. Wir können als Kirche nicht einfach sagen: „Oma Erna passt nicht mehr zu unserem neuen Image, die soll woanders hingehen.“

Daher ist meine Meinung: Wir brauchen die Radikalität der Methoden von Jaguar, dürfen aber nicht ihre Arroganz der Exklusion übernehmen.

3. Wie könnte ein „Jaguar-Moment“ für die Nordkirche aussehen?

Wenn wir also niemanden rausschmeißen wollen, was hieße so ein Moment dann für uns? Er hieße, den Mut zu haben, Ressourcen radikal umzuschichten – weg von der Verwaltung des Status Quo (Gebäude & Gremien), hin zum Experiment (Menschen & Orte).

Ein kirchlicher „Jaguar-Moment“ wäre ein „Investitions-Schock“ statt der ewigen Sparrunden:

  • Radikaler Baustopp & Verkauf: Was wäre, wenn wir ankündigen: „Ab sofort fließt kein Cent Kirchensteuer mehr in den Erhalt von Gebäuden, die nicht ausreichend lebendig genutzt werden.“ Wir verkaufen Immobilien massiv, nicht um Löcher zu stopfen, sondern um Kapital freizumachen für Menschen. Steine können nicht lieben, Menschen schon.

  • „Delete Ordinary“ in der Personalplanung: Wir lösen einen Großteil der Gremien und Ausschüsse auf, die sich nur mit Selbstverwaltung beschäftigen. Die freiwerdenden Stellen (und das Geld) investieren wir in neue „Pionier-Pfarrstellen“. Deren Auftrag: Gründe Kirche dort, wo sie noch nicht ist – in der Kneipe, im Co-Working-Space, digital. Mit der offiziellen Lizenz zum Scheitern.

  • Konzentration auf den Kern: Wir hören auf, ein „Vollsortimenter“ zu sein. Nicht jedes Dorf und jeder Stadtteil braucht jeden Sonntag einen mittelmäßig bis schlecht besuchten Gottesdienst.  Stattdessen: Weniger, aber dafür mit „Exuberance“ (Überschwang). Events, die strahlen, statt Pflichtveranstaltungen, die verrauchen.

4. Was würde passieren? (Positiv und Negativ)

Dieser Weg wäre brutal. Wir müssen uns nichts vormachen.

Das Negative (Die Risiken): Die treuen Kerngemeinden würden rebellieren. Zurecht. Sie haben den Laden jahrzehntelang getragen und würden sich vor den Kopf gestoßen fühlen. Die Austrittszahlen könnten kurzfristig noch dramatischer steigen, besonders bei den Älteren. Die Idee der „Kirche im Dorf“, die immer da ist (auch wenn keiner hingeht), wäre Geschichte.

Das Positive (Die Chancen): Wir würden endlich wieder wahrgenommen. Wir wären nicht mehr „beige“. Menschen würden merken: „Hoppla, die meinen es ernst.“ Und vor allem: Wenn die Fassaden fallen, müssen wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Was bleibt, wenn die Orgel schweigt und das Gemeindehaus verkauft ist? Die Botschaft. An den Orten, wo Neues entsteht, könnte eine Kirche wachsen, die nichts mehr mit Behörde, aber viel mit der sog. „Urkirche“ zu tun hat. Eine Kirche der bewussten Entscheidung, nicht der Gewohnheit.

Fazit: Copy Nothing. Copy Jesus.

Braucht die Kirche einen Jaguar-Moment? Wenn es bedeutet, die Arroganz einer Luxusmarke zu kopieren und Menschen auszusortieren: Nein. Aber wenn es bedeutet, den Mut zu haben, die eigenen Traditionen zu zertrümmern, damit die ursprüngliche Identität wieder sichtbar wird: Ja, dringend.

Jaguar sagt: „Copy Nothing“, um einzigartig zu sein. Das ist ihr Marketing-Trick. Wir müssen nicht einzigartig werden. Wir haben ein einzigartiges Original.

Unser „Jaguar-Moment“ besteht nicht darin, nichts zu kopieren, sondern das Richtige zu kopieren. Weg von der Kopie der Kopie einer preußischen Behörde. Zurück zum Original: Jesus.

Jesus war der ultimative Gamechanger. Er hat religiöse Regeln gebrochen, um Menschen zu retten. Er war nicht „beige“, er war radikal liebend und provozierend echt. Er hat so manche Sicherheit der Tradition geopfert für das Leben in Fülle.

Vielleicht müssen wir als Institution Kirche sterben (also diese Form von Kirche wie wir sie kennen), damit die Botschaft Jesu wieder leben kann. Das ist riskant. Das wird wehtun. Aber die Alternative ist, im beigen Anzug leise in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.

Copy Nothing of the old system. Copy Jesus. Sei mutig. Sei echt. Sei schräg. Deck den Tisch, da wo du bist. Der Rest ist Struktur – und die kann weg, wenn sie dem Leben im Weg steht.

Was denkst Du? Ist das Wahnsinn oder der einzige Ausweg? Würdest du den Hammer schwingen, oder ist dir die Tradition zu wertvoll, um sie zu riskieren? Schreib mir deine Meinung in die Kommentare oder schick mir eine Nachricht.


Transparenz-Hinweis: Wenn wir über neue Wege reden, sollten wir sie auch nutzen. Dieser Artikel ist ein Hybrid. Die Gedanken, die Theologie und die Haltung sind von mir (Jonas); bei der Recherche der Zahlen, dem Faktencheck und dem textlichen Feinschliff hat mich eine KI unterstützt.

Du möchtest keinen Beitrag auf juhopma.de verpassen?
Dann schnell zum Newsletter anmelden!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Vielleicht gefällt dir auch...

Beliebte Beiträge