Die tote Kirche des lebendigen Gottes?

Wer sich gegen neue Formen von Kirche stemmt, der stemmt sich gegen das gesunde Fortbestehen von Kirche:  Warum neue Formen von Kirche kein Aufgeben eines teuren Gutes sind. Sondern das kirchlichste, was Kirche tun kann. / Eine inhaltliche Grundlegung für einfachkirche.

Während meiner Examenszeit durfte ich mich in wenigen Wochen quasi einmal durch die gesamte Kirchengeschichte lernen. Das hat wirklich keinen Spaß gemacht, war aber durchaus lehrreich. Eine der Lehren: Kirche wurde und wird immer geprägt von ihrer Umwelt und ihrer Geschichte.

Ob nun Römer, Griechen, Germanen, Nationalismus, Sozialismus… wer einen Ritt durch die Kirchengeschichte macht, der stellt fest: Kirche gibt es in keiner „Reinform“. Sie hat je nach Einfluss und Prägung ein anderes Gewand.

Das gilt für die Vergangenheit. Und genauso für die Gegenwart. Kirche wird auch heute noch stark von der Umwelt geprägt. Die Kirche wie wir sie in Deutschland kennen, wurde entscheidend von unserer Geschichte geprägt. Achtung, Überraschung: Kirche war kein Fremdkörper, der unabhängig und berührungsfrei durch Zeit und Raum geflogen ist. Auch wenn ich bei manchen Theologen das Gefühl habe, sie nehmen genau das an…

Ich möchte es noch klarer formulieren: Die Kirche, die wir heute in Deutschland kennen, ist (natürlich) extrem von der Geschichte unseres Landes geprägt. Das ist nicht schlimm, das ist ein Fakt. Kirchen in anderen Teilen der Welt hatten andere Geschichten und sehen deshalb heute anders aus als unsere. Und das meine ich jetzt nicht optisch (wobei das auch zutrifft). Sondern vor allem inhaltlich und auf die Form, die Gestalt, von Kirche bezogen. Je nach Kultur, Land, Umwelt, politischen Geschehnissen etc. wurden verschiedene theologische Entscheidungen getroffen. Auch herrschaftliche und machtpolitische Gefüge haben die Form der Kirche beeinflusst. In Brasilien geht es in Kirchen anders zu als im Kaukasus. Okay, das klingt jetzt platt. Aber du weißt, was ich meine, oder?

Und jetzt kommt es noch dicker: Nicht nur, dass je nach Region, Kultur und Geschichte die Kirche unterschiedlich aussieht. Nein, Kirchen haben sich auch innerhalb einer Region, eines Kulturkreises, fortwährend verändert. Ja, ich weiß, das kommt jetzt noch überraschender. Aber es stimmt wirklich: Im 21. Jahrhundert geht es in den Kirchen unseres Landes anders zu als im 14. Jahrhundert (und nein, ich meinte damit nicht, dass es leerer ist…). Google ruhig mal, seit wann und warum es Kirchenbänke gibt. Wieso es in Kirchen Kanzeln gibt. Um nur zwei kleine Beispiele zu nennen.

Also: Eine meiner Lehren aus der Kirchengeschichte: Kirche hat sich unterschiedlich entwickelt und Kirche hat sich stetig gewandelt. Klingt für dich selbstverständlich und du fragst dich, worauf ich hinaus will?

Es gibt keine heilige Kirchenformen.

Anscheinend waren Hausgemeinden sehr früh sehr angesagt. Später wurden die Gemeinden größer und man musste darauf reagieren. Also hat Kirche sich gewandelt. Am Anfang waren Christen eine Art Untergrundorganisation, sie wurden verfolgt. Wenig später war das Christentum plötzlich Staatsreligion. Natürlich hatte das extreme Auswirkungen darauf, wie die Kirche aussah. Wie, wann und wo Gottesdienst gefeiert wurde. Wer zur Kirche wie dazugehören konnte.

Schon sehr früh sind Christen in die weite Welt gegangen und haben dort wiederum neue Gemeinden gegründet. Schon früh kam es zu sehr unterschiedlichen Entwicklungen in der Kirche. Ich nenne mich heute „Christ“ und es gibt angeblich über 2.000.000.000 weitere von diesen Christen auf der Welt. Ja, und was verbindet uns? Die Form unserer Kirche? Die Gottesdienst-Liturgie? Unsere Musik? Unsere Spiritualität?

Ganz ehrlich: eine Messe bei den Katholiken? Nicht so mein Ding. Teufelsaustreibungen, Ekstase im Gottesdienst und Zungenreden bei Pfingstlern? Puh… wohlfühlen tue ich mich da nicht. Und ich könnte diese Liste sehr lange weiterführen. Ohne scheiß: mit den meisten Formen von „Christentum“ kann ich persönlich nichts anfangen. Aber ist das deshalb falsch, was die anderen da so praktizieren? Ist meine Form „richtiger“ als ihre?

Ich denke: Ne du, genau das ist die Kirche. Vielfältig. Bunt. Geprägt von Umwelt und Geschichte. Je nach Kultur und Menschentyp sehr verschieden. Aber warum fällt es uns dann so schwer – und ich meine jetzt mit uns die evangelische Kirche in Deutschland, zu der ich gehöre – neue Formen von Kirche zu akzeptieren? Fast überall gilt:

Die Form der Kirche ist unantastbar.

Das hat Jesus übrigens gesagt. Zumindest im Kopf vieler Kirchenleute.

Nein, das hat er nicht gesagt! Überhaupt. Er hat so herzlich wenig über die Form der Kirche gesagt, dass ich mir fast vorstellen könnte: Es war ihm egal. Es war Jesus einfach schnurzpiepegal, wie die Leute das mit der Kirchenform regeln!

Kirchenformen kommen und gehen. Sie haben ihre Zeit und ihre Berechtigung. Aber nicht für alle Zeiten und nicht für die ganze Welt.

Wenn ich über neue Formen von Kirche schreibe – und darum geht es bei der einfachkirche – dann ist das weder „neu“, noch teuflisch, noch ein Aufgeben von irgendeinem auch nur ansatzweise „teuren Gut“. Es ist das kirchlichste, was Kirche tun kann.

Kirche lebt aus Tradition von ihrer immer neuen Gestalt.

Also versteh mich bitte hier nicht falsch. Kirche lebt nicht von Traditionen. Sondern: Kirche lebt schon immer davon, dass sie wandelbar ist.  Eine neue Gestalt annimmt. Sich anpasst. Nicht wie eine Fahne im Wind. Nicht alle zwei Jahre eine Generalüberholung.

Aber schau in die Geschichte der Kirche. Schau dir an, wie unterschiedlich Kirche sich im Laufe der Zeiten entwickelt und gewandelt hat. Was für unterschiedliche Ergebnisse herausgekommen sind und wie sich diese dann doch wieder gewandelt haben.

Gerade als lutherische, als reformierte Kirche, sollte uns das bewusst sein. Ist es aber nicht. Anscheinend.

Ich meine: Wer sich gegen neue Formen von Kirche stemmt, der stemmt sich gegen das gesunde Fortbestehen von Kirche. Der stemmt sich gegen die Natur der Kirche.

Und ich möchte noch einen drauflegen: Für mich gibt es eine ganz klare Verbindung zwischen einer sich wandelnden Kirche und dem Gott der Bibel. Denn auch dieser bewegt sich. Ist lebendig. Keine tote Statue. Es kann Gott reuen! Gott geht unterschiedliche Wege mit unterschiedlichen Menschen! Gott lässt mit sich quatschen und verhandeln! Er begegnet verschiedenen Menschen auf völlig verschiedene Art und Weise! Wenn ich dem Gott der Bibel Eigenschaften zuordnen müsste, dann wäre „lebendig“ auf jeden Fall dabei!

Und welche Eigenschaften würden wir der Kirche zuordnen? Bewahrend? Konservativ? Traditionell?

Mir stellt sich daher, so unterm Strich, die Frage: Woran wollen wir uns halten, liebe Kirche: an festgefahrenen Traditionen oder am lebendigen Gott? Haben wir den Mut, so lebendig zu sein, wie der Gott, von dem wir den Menschen erzählen?

Gott lebt. Kirche bewahrt.

Wir als Kirche sind ein fettes, unsportliches Kind, dass den ganzen Tag zuhause vor dem PC sitzt. Es wird Zeit, dass wir rausgehen und Sport treiben. Wieder fit werden.

Damit ist nicht gesagt, dass die Traditionen über Bord gehen müssen. Wir dürfen sie durchaus bewahren und behalten – in einem Rahmen, der ihnen zusteht. Wir müssen sie aber von dem Thron holen, der sie unantastbar macht.

Denn die Form der Kirche ist antastbar. Sie ist veränderbar.

Veränderung hat in der Kirche Tradition. Seit mehr als 2000 Jahren. Und mit einfachkirche möchte ich diese Tradition gerne fortführen.

 

 

7 Gedanken zu „Die tote Kirche des lebendigen Gottes?

  1. In meiner Wahrnehmung fühlen sich viele Menschen als Christen, fühlen sich aber im Haus der Christen (Kirche) nicht mehr Zuhause. Anders gesagt: Die Kirche, die ich kenne, die erreicht, berührt und inspiriert mich nicht. Es sind vielleicht einzelne Menschen der Kirche, denen dies noch vereinzelt gelingt. Es geht also um die Botschaft von Mensch zu Mensch. Und Menschen ticken bekanntlich sehr unterschiedlich. Gleichzeitig ist Kirche auch Gemeinschaft und Einbindung. Ein marketingmäßiges Aufbrechen des Kirchenangebotes nach Zielgruppen
    ist somit problematisch, auch angesichts der Tatsache, dass die Gesellschaft immer stärker auseinander driftet. Ich wünsche mir eine Kirche, die Botschaften in den Mittelpunkt stellt, die die Menschen tief berührt und eint. Dies braucht eine konsensfähige, zeitgemäße Form.
    Ist doch ganz einfach… rein theoretisch betrachtet 😉

    1. Ich merke, beim nächsten Bierchen müssen wir uns auch darüber nochmal intensiver unterhalten!
      Aber ich bin absolut bei dir: Die Botschaft muss in den Mittelpunkt (und darüber werde ich hier auch noch schreiben). Aber ich glaube ich bin nicht ganz bei dir, was „eine“ Form angeht. So habe ich dich zumindest verstanden. Also ich glaube nicht, dass – gerade in unserer auseinanderdriftenden Gesellschaft – es möglich ist, die eine konsensfähige und zeitgemäße Form zu finden, die „alle“ glücklich macht.
      Oder meintest du das gar nicht?

      1. Das werden mehre Bierchen!
        Kirche hat für mich mehr denn je eine gemeinschaftsbildende Funktion. Dies kann kaum gelingen, wenn wir Kirche analog Facebook in Filterblasen zersplittern (Achtung Wortspiel) Ich stelle mir einen großen Gemeinschaftsgottesdienst vor, der durch vielfältige individuelle Aktivitäten gerahmt wird, z.B. Musiktheater, verrückte Idee, ich weiß…

        1. Hmm… aber ich habe auch von dir wie keinem anderen das „Was ist die Kernbotschaft von Kirche?“ gelernt. Also eben aus der Marketing-Perspektive: Was haben wir zu bieten, was niemand anderes zu bieten hat. Und das ist doch nicht Gemeinschaft oder? Gemeinschaft wäre ein Teil davon…
          Das mit dem Gemeinschaftsgottesdienst klingt aber trotzdem spannend! Führe gerne weiter aus… Kirche kann glaube ich „verrückte“ Ideen durchaus gebrauchen 😉

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